Phonetische Störung

„Mein Kind sagt Tuchen statt Kuchen." Wer danach sucht, will selten eine Definition, sondern eine Einschätzung: Ist das noch Entwicklung oder schon behandlungsbedürftig? Diese Seite beantwortet das aus der Praxis heraus. Sie finden hier den Selbsttest, der phonetisch von phonologisch trennt, eine Übersicht, welcher Laut wann sitzen sollte, und was Zahnstellung, Mundatmung und Gehör damit zu tun haben.

Phonetisch oder phonologisch: der Test in zwei Minuten

Die Fachwelt trennt zwei Bilder, die gleich klingen und verschieden behandelt werden. Was dahintersteckt, steht ausführlich auf unseren Seiten zu den Artikulationsstörungen und zu den phonologischen Störungen. Hier geht es um etwas anderes: wie Sie es selbst hören.

Setzen Sie sich Ihrem Kind gegenüber und lassen Sie es einen einzelnen Laut nachsprechen, nicht das Wort. Also nur das lange „ssss" oder nur „k". Gelingt der Laut allein sauber, kommt aber im Wort trotzdem nicht an der richtigen Stelle vor, spricht vieles für eine phonologische Störung. Bleibt der Laut auch isoliert fehlerhaft, weil die Zunge gar nicht in die nötige Position findet, dann ist es eine phonetische Störung, also eine Frage der Sprechmotorik.

Der Unterschied ist kein Etikett für den Bericht. Bei der phonetischen Form bauen wir den Laut motorisch auf, vom einzelnen Laut über Silben bis in freies Sprechen. Bei der phonologischen Form üben wir am Hören und an der Regel, meist mit Minimalpaaren, weil das Kind den Laut ja bilden kann. Wer das falsch herum angeht, übt monatelang etwas, das längst funktioniert.

In der Praxis sehen wir beides oft zusammen. Dann heißt es phonetisch-phonologische Störung, und die Therapie beginnt in der Regel mit dem motorischen Teil. Für die reine Lautverwendungsseite führt die Phonologische Störung weiter, für die Sammelbezeichnung Dyslalie.

Welcher Laut ab welchem Alter sitzen sollte

Kinder erwerben Laute in einer ziemlich stabilen Reihenfolge, und fast alle Sorgen, die uns erreichen, lösen sich an dieser Reihenfolge auf. Die folgenden Zeitpunkte sind Anhaltswerte aus der Entwicklungsliteratur und aus unserer Diagnostik, keine Norm, an der man ein Kind misst:

  • Bis etwa zwei Jahre: die Vokale sowie m, b, p, d, t, n
  • Um drei Jahre: f, w und die hinteren Laute k, g, ng. Bis dahin ist „Tuchen" statt „Kuchen" unauffällig
  • Etwa dreieinhalb bis vier Jahre: l, dazu die meisten Konsonantenverbindungen wie bl, gr, schn
  • Etwa viereinhalb bis fünf Jahre: sch und s. Ein Lispeln fällt hier auf und gehört vor die Einschulung
  • Zuletzt, bis etwa sechs Jahre: r

Ausschlaggebend ist am Ende weniger das einzelne Wort als der Abstand zum erwarteten Alter. Liegt ein Kind mehr als ein halbes Jahr zurück, lohnt ein Termin. Wird das Kind von Fremden schlecht verstanden, lohnt er sofort, unabhängig vom Alter. Welche Vereinfachungsmuster ein Kind auf dem Weg dorthin benutzt und wann jedes davon verschwunden sein sollte, steht unter Störung des Lauterwerbs.

Ab dem Schuleintritt kommt etwas dazu, das leicht übersehen wird: Die Aussprache wird zur Schriftsprache. Was ein Kind falsch spricht, schreibt es häufig auch falsch. Deshalb sind wir bei Vorschulkindern eher für einen Termin zu viel als für einen zu wenig. Zum Zusammenhang mit dem Lesen und Schreiben führt LRS weiter, zur Vorstufe im Hören phonologische Bewusstheit.

Wie eine phonetische Störung klingt

Am bekanntesten ist der Sigmatismus, das Lispeln. Die Zunge rutscht beim s zwischen die Zähne oder stößt gegen sie, oder die Luft entweicht seitlich und es klingt feucht. Zu den Formen, den Ursachen und zur Behandlung gibt es bei uns eine eigene ausführliche Seite: Sigmatismus, für die Elternperspektive Sigmatismus bei Kindern.

Fast ebenso häufig ist der Schetismus, bei dem das sch nicht gelingt. Danach kommen der Kappazismus mit dem k und der Gammatismus mit dem g, meist als Ersatz durch t und d. Beim Lambdazismus trifft es das l, beim Rhotazismus das r, das entweder gerollt, im Rachen gescharrt oder ganz ausgelassen wird.

Hören lässt sich der motorische Anteil an einem Detail: Es klingt nicht wie ein anderer Laut, sondern wie ein misslungener. Ein Kind, das für s ein t einsetzt, hat ein Verwendungsproblem. Ein Kind, dessen s nass und breit klingt, hat ein Bildungsproblem. Genau diese Unterscheidung nimmt Ihnen unsere Diagnostik ab, wenn Sie sich nicht sicher sind.

Was Zunge, Zähne und Nase damit zu tun haben

Ein großer Teil der phonetischen Störungen, die wir sehen, hat eine mechanische Seite. Die Zunge ruht unten im Mund oder zwischen den Zähnen statt oben am Gaumen, die Muskelspannung ist niedrig, beim Schlucken drückt die Zunge nach vorn. Dieses Muster heißt viszerales Schluckmuster und tritt oft zusammen mit einer myofunktionellen Störung auf.

Diesen Zusammenhang kennt jede Zahnarztpraxis aus dem eigenen Wartezimmer. Eine Zunge, die täglich tausendfach gegen die Frontzähne drückt, verschiebt sie, und ein offener Biss macht wiederum ein sauberes s unmöglich. Wir arbeiten deshalb mit Kieferorthopädinnen und Kieferorthopäden zusammen, und die Reihenfolge ist wichtig: Wer eine Spange bekommt, ohne dass das Schluckmuster geändert wurde, hat gute Chancen, dass sich die Zähne danach wieder verschieben. Mehr dazu in unserem Beitrag zur Schnittstelle zwischen Logopädie und Zahnmedizin.

Ein Kind, das dauerhaft durch den Mund atmet, hat die Zunge zwangsläufig unten. Dahinter stecken häufig vergrößerte Adenoide oder ein chronischer Schnupfen, und dann führt der erste Weg in die HNO-Praxis, bevor wir überhaupt anfangen. Was Mundatmung sonst noch anrichtet, steht in unserem Lexikon.

Was Sie zu Hause tun und was Sie lassen sollten

Die wirksamste Regel ist eine Unterlassung: Bitten Sie Ihr Kind nicht, ein Wort richtig nachzusprechen. Bei einer phonetischen Störung kann es das nicht, und jede Aufforderung dazu macht aus einem Lautfehler ein Thema, über das sich ein Kind schämt. Wir sehen Sechsjährige, die im Kindergarten nichts mehr sagen, weil zu Hause zu oft korrigiert wurde.

Was stattdessen hilft, ist das korrektive Feedback: Sie greifen auf, was das Kind gesagt hat, und geben es beiläufig richtig zurück. Das Kind sagt „Da is en Tatze", Sie antworten „Ja, da ist eine Katze, eine schwarze sogar." Keine Aufforderung, keine Pause, kein erhobener Zeigefinger. Warum das funktioniert, erklärt der Eintrag Corrective Feedback.

Nützlich sind außerdem Spiele, die nichts mit Sprechen zu tun haben und trotzdem wirken: Pusten mit dem Strohhalm, Seifenblasen, Wattebällchen über den Tisch blasen, Grimassen vor dem Spiegel. Das kräftigt die Muskulatur, die später den Laut tragen muss, ohne dass es nach Üben aussieht.

Und wenn wir Hausaufgaben mitgeben, dann kurze. Was wir mitgeben, passt in den Weg vom Abendessen bis zum Zähneputzen, und genau deshalb wird es gemacht. Wie schnell ein Kind vorankommt, hängt bei uns fast nie am Schweregrad und fast immer an dieser Regelmäßigkeit.

Rezept, erster Termin, Dauer

Verordnet wird Logopädie von der Kinderarztpraxis, oft im Rahmen einer U-Untersuchung, ebenso von HNO-Ärztinnen und Pädaudiologen. Wie viele Einheiten eine Verordnung umfasst, steht in der Heilmittelrichtlinie; welche Diagnose zu welcher Therapie gehört, ordnet der Heilmittelkatalog zu. Für Kinder entfällt die Zuzahlung.

Wenn Sie unsicher sind, ob es überhaupt ein Fall für uns ist, brauchen Sie dafür kein Rezept. Wir beraten vorab kostenlos, und in vielen Gesprächen endet das mit dem Satz, dass Ihr Kind schlicht noch Zeit hat. Einen ersten Anhaltspunkt gibt auch unser Sprach-Check.

Der erste Termin ist Diagnostik. Wir lassen benennen, hören genau hin, schreiben mit, was das Kind wirklich sagt, und prüfen die Beweglichkeit von Zunge und Lippen. Danach steht fest, ob motorisch aufgebaut oder an der Lautverwendung gearbeitet wird.

Zur Dauer: Ein einzelner, klar umgrenzter Lautfehler ist häufig in einem bis zwei Verordnungsblöcken erledigt, also über einige Monate mit einem Termin pro Woche. Sind mehrere Laute betroffen oder kommt eine Sprachentwicklungsstörung dazu, dauert es länger. Der langsamste Teil ist nie das Erlernen des Lautes, sondern der Transfer ins freie Sprechen, wo die alte Gewohnheit sitzt.

Wann wir zuerst ans Gehör denken

Bevor wir lange an Lauten arbeiten, wollen wir wissen, ob das Kind sie überhaupt sauber hört. Häufige Mittelohrentzündungen in den ersten Lebensjahren, ein Paukenerguss, eine leichte Schallleitungsschwerhörigkeit: All das kann monatelang unbemerkt bleiben und die Lautwahrnehmung dämpfen. Ein Hörtest gehört deshalb bei jeder Aussprachestörung dazu.

Etwas anderes ist die auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung. Dabei ist das Gehör messbar in Ordnung, die Verarbeitung im Gehirn aber nicht, und ähnlich klingende Laute lassen sich schwer auseinanderhalten. Betrifft das Ihr Kind, führt AVWS weiter.

Ihre Therapeutinnen und Therapeuten für Aussprache

Hinter jedem Namen liegt ein Profil mit Standort, Ausbildung und Schwerpunkten. Wer speziell mit Kindern arbeitet, steht unter Artikulationsstörungen bei Kindern, die gesamte Liste finden Sie unter Aussprache-Therapeuten.

Wenn der Lautfehler geblieben ist

Nicht jede Aussprachestörung verwächst sich. Zu uns kommen Erwachsene, die seit der Schulzeit lispeln und es lange hingenommen haben, bis ein Beruf dazwischenkam: Lehramt, Vertrieb, Beratung, alles, wo den ganzen Tag gesprochen wird.

Die gute Nachricht zuerst. Erwachsene lernen einen Laut motorisch schneller als Kinder, weil sie gezielt üben und den Unterschied selbst hören können. Der Transfer dauert dafür länger, denn dreißig Jahre Gewohnheit sitzen tiefer als drei. Realistisch sind bei einem einzelnen Laut wenige Monate.

Auch hier lohnt der Blick auf Zunge und Zähne, weil ein hypotoner Muskel im Erwachsenenalter selten von allein besser wird. Zu den Ursachen im Erwachsenenalter steht mehr unter Aussprachestörungen, zu den Therapeutinnen und Therapeuten unter Artikulationsstörungen bei Erwachsenen.

Anders liegt der Fall, wenn sich die Aussprache plötzlich verändert hat, etwa nach einem Schlaganfall. Dann liegt der Grund im Nervensystem, es geht um Dysarthrie oder Sprechapraxie, und die Therapie sieht völlig anders aus.

Termin und Beratung

Wenn Sie unsicher sind, ob Sie warten oder handeln sollen, klären wir das am Telefon. Ein kurzes Gespräch reicht uns meistens für eine erste Einschätzung, und es kostet Sie nichts. Unsere Anmeldung nimmt Ihren Anruf unter 0511 65580773 entgegen; per Mail geht es an anmeldung@bona-lingua.de. Wir haben sieben Praxen in Hannover und Umgebung, Termine für Schulkinder legen wir bevorzugt in den Nachmittag.

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