Störung des Lauterwerbs

„Kanne" statt „Tanne", „Tuhl" statt „Stuhl", „Nane" statt „Banane": Kinder vereinfachen sich die Sprache, während sie sie lernen, und das gehört dazu. Interessant wird die Frage, wann ein solches Muster hätte verschwinden müssen. Genau darum geht es hier. Sie finden eine Übersicht, welches Vereinfachungsmuster bis zu welchem Alter unauffällig ist, den Unterschied zwischen konsequenten und inkonsequenten Fehlern und die Frage, an der wir uns in der Diagnostik am stärksten orientieren: Wie viel versteht ein Fremder? Die fachlichen Grundlagen dazu, von den Prozessarten bis zur Diagnostik, stehen ausführlich auf unserer Elternseite zu den phonologischen Störungen.

Kann das Kind den Laut, oder setzt es ihn falsch ein?

An dieser Frage hängt alles Weitere, und sie lässt sich zu Hause beantworten. Ein Kind mit einer Störung des Lauterwerbs kann die betroffenen Laute meistens bilden. Es verwendet sie nur an der falschen Stelle, weil die Regel dahinter noch nicht sitzt. Fragen Sie Ihr Kind, ob es Ihnen ein langes „kkk" nachmachen kann: Klappt das, während im Wort weiter „Tanne" für „Kanne" kommt, dann ist es diese Baustelle.

Welche Bilder es im Bereich Sprechen bei Kindern sonst noch gibt und wie eine Behandlung praktisch abläuft, sortiert die Übersicht unter Sprechtherapie für Kinder.

Bekommt Ihr Kind den Laut auch einzeln nicht hin, weil die Zunge die Position nicht findet, geht es um die Sprechmotorik. Dafür haben wir eine eigene Seite mit einem ausführlicheren Selbsttest und einer Übersicht, welcher Laut in welchem Alter sitzen sollte: Phonetische Störung. In der Praxis kommt beides oft gemeinsam vor, und dann arbeiten wir zuerst am motorischen Teil.

Der Fachbegriff für die Regelseite lautet Phonologie und meint das System hinter den Lauten, nicht ihre Aussprache. Kurz erklärt steht das unter Phonologie, der kleinste bedeutungsunterscheidende Baustein unter Phonem. Als Sammelbezeichnung für beide Seiten begegnet Ihnen in Berichten oft noch Dyslalie.

Welches Muster bis wann normal ist

Kinder vereinfachen nach Regeln, und diese Regeln sind über Kinder hinweg erstaunlich ähnlich. Fachlich heißen sie phonologische Prozesse. Für Sie ist nur eines davon wichtig: Jedes Muster hat ein Alter, ab dem es eigentlich verschwunden sein sollte. Die folgenden Zeitpunkte stammen aus der Entwicklungsliteratur und decken sich mit dem, was wir in der Diagnostik sehen. Sie sind grobe Marken und keine Stichtage.

  • Ganze Silben fallen weg, „Nane" für „Banane" oder „Fon" für „Telefon": sollte um den dritten Geburtstag herum aufhören
  • Aus zwei Konsonanten wird einer, „Tuhl" für „Stuhl" oder „Bille" für „Brille": ebenfalls etwa bis drei Jahre, bei schwierigen Verbindungen etwas länger
  • Zischlaute werden zu Verschlusslauten, „Tonne" für „Sonne" oder „Pisch" für „Fisch": bis etwa drei Jahre
  • Die hinteren Laute k und g rutschen nach vorn und werden zu t und d, „Tuchen" für „Kuchen": bis etwa dreieinhalb Jahre
  • Das sch wird zum s, „Sule" für „Schule": hier ist die Grenze deutlich später, etwa viereinhalb bis fünf Jahre
  • Das r wird ersetzt oder verschluckt: bis etwa sechs Jahre

Ein Muster fällt aus dieser Reihe heraus, weil es in der normalen Entwicklung gar nicht vorkommt: wenn ein Kind vorn gebildete Laute nach hinten verlegt und „Kanne" für „Tanne" sagt. Solche Umkehrungen sind keine Verzögerung, sondern ein eigenes Muster, und sie sind ein Grund, nicht auf den nächsten Geburtstag zu warten. Dasselbe gilt, wenn ein Kind Laute verwendet, die es im Deutschen so nicht gibt.

Zählen Sie außerdem, wie viele Muster gleichzeitig auftreten. Ein einzelnes, das ein halbes Jahr zu lange bleibt, ist etwas anderes als vier gleichzeitig. Bei vieren summiert sich der Effekt, und übrig bleibt ein Kind, das kaum noch verstanden wird.

Der Maßstab, den wir wirklich benutzen

Eltern zählen Laute. Wir zählen etwas anderes, und das ist der Grund, warum unsere Einschätzung manchmal von der Sorge zu Hause abweicht.

Uns interessiert, wie viel eine fremde Person versteht, die das Kind zum ersten Mal hört und den Zusammenhang nicht kennt. Als Anhaltspunkt gilt: Mit zwei Jahren wird ungefähr die Hälfte verstanden, mit drei Jahren etwa drei Viertel, und mit vier Jahren sollte ein Kind für Fremde durchgehend verständlich sein, auch wenn einzelne Laute noch nicht sauber klingen.

Der Unterschied zwischen vertrauten und fremden Zuhörern erklärt viele Missverständnisse in der Familie. Sie verstehen Ihr Kind, weil Sie wissen, wovon es redet, welches Spielzeug gemeint ist und wie es gestern hieß. Die Erzieherin in der neuen Gruppe hat nichts davon. Fällt Ihnen auf, dass andere Erwachsene ständig zu Ihnen schauen und um Übersetzung bitten, ist das aussagekräftiger als jede Liste.

Ein Praxistipp, der wenig kostet: Nehmen Sie zwei Minuten Spontansprache mit dem Handy auf, während Ihr Kind erzählt, und hören Sie sich das ein paar Tage später an. Ohne die Situation im Kopf hören Sie es plötzlich wie ein Fremder. Bringen Sie die Aufnahme gern zum ersten Termin mit, sie sagt uns oft mehr als der Benenntest.

Immer derselbe Fehler oder jedes Mal ein anderer?

In Befunden stehen Wörter, die sich fast gleich anhören und verschiedene Therapien nach sich ziehen. Wenn Sie unseren Bericht in der Hand halten, lohnt sich der Blick darauf.

Ein Kind spricht „Sule", und beim nächsten Mal wieder „Sule", und beim übernächsten auch. Der Fehler ist konsequent. Das ist der häufigste Fall, und er ist der angenehmste, weil die Regel im Kopf des Kindes klar zu erkennen ist und sich gezielt ändern lässt.

Anders klingt es so: „Fonne", „Honne", „Donne", alles für Sonne und alles innerhalb von zehn Minuten. Hier ist der Fehler inkonsequent. Geprüft wird das, indem dieselben Wörter dreimal benannt werden; ab einem bestimmten Anteil wechselnder Formen heißt es inkonsequente phonologische Störung. Solche Kinder brauchen einen anderen Einstieg: erst Stabilität, dann Korrektheit.

Am häufigsten verwechselt wird das dritte Wort. Inkonstant meint die Häufigkeit und nicht die Form. Ein Kind sagt dasselbe Wort mal richtig und mal falsch, und das ist meistens ein gutes Zeichen: Genau so sieht es aus, wenn ein Laut gerade erworben wird.

Am Einzelbeispiel lässt sich das nicht auseinanderhalten. Dafür braucht es eine mitgeschriebene Sprachprobe, und deshalb notieren wir im Erstgespräch wörtlich mit, was Ihr Kind sagt, statt es nur zu bewerten.

Wer bei uns an der Aussprache arbeitet

Mit Aussprache und Lautverwendung bei Kindern arbeiten die folgenden Kolleginnen und Kollegen. Was sie gelernt haben und an welchem Standort sie sitzen, öffnet sich beim Anklicken des Namens. Ein Rat zur Auswahl: Wichtiger als die Bezeichnung des Schwerpunkts ist bei diesem Bild ein Termin, den Sie über Monate zuverlässig wahrnehmen können. Nur die Namen nebeneinander stehen unter Therapeuten für phonologische Störungen, alle Fachkräfte des Aussprachebereichs unter Aussprache-Therapeuten.

Wie eine Behandlung abläuft

Alle Zwischenschritte stehen auf der Elternseite zur Behandlung. Das Prinzip dahinter ist schnell erzählt: Wir nehmen uns ein Muster vor, arbeiten zuerst am Hören und dann am Sprechen, und geübt wird am Bedeutungsunterschied statt am einzelnen Laut.

Das Werkzeug dafür heißt Minimalpaar. Zwei Wörter unterscheiden sich in genau einem Laut, und dieser eine Laut entscheidet über die Bedeutung: Tasse und Kasse, Wange und Wanne, Rose und Hose. Wenn ein Kind für uns nach „Tasse" greift, obwohl es „Kasse" hören wollte, erlebt es den Unterschied als Missverständnis und nicht als Korrektur. Das ist der ganze Trick, und er wirkt bei diesem Bild besser als Nachsprechen.

Welche Muster wir zuerst angehen, richtet sich danach, was die Verständlichkeit am schnellsten verbessert, und was am längsten überfällig ist. Muster, die in der normalen Entwicklung gar nicht vorkommen, kommen dabei nach vorn.

Was zu Hause tatsächlich etwas bringt

Die häufigste Frage nach dem Erstgespräch lautet, welche Übungen es für zu Hause gibt. Unsere Antwort enttäuscht regelmäßig, weil sie so wenig nach Übung aussieht.

Verbessern Sie Ihr Kind bitte nicht und lassen Sie es nichts nachsprechen. Bei diesem Bild hört ein Kind seinen eigenen Fehler häufig gar nicht, und die Aufforderung führt nur dazu, dass es weniger erzählt. Wiederholen Sie stattdessen beiläufig richtig, was es gesagt hat, und bauen Sie den Satz dabei etwas aus. Wie das im Alltag klingt, steht unter Corrective Feedback.

Was sich lohnt, ist alles, was mit Klang und Silben spielt, ohne dass es um richtig oder falsch geht. Reime beim Vorlesen mitsprechen, Namen in Silben klatschen, Ich-sehe-was-mit-dem-Anlaut auf der Autofahrt, Quatschwörter erfinden. Diese Spiele trainieren die Vorstufe, auf der später das Lesen aufbaut; sie heißt phonologische Bewusstheit.

Und dann gibt es noch die unspektakulärste Empfehlung von allen: das Gehör prüfen lassen. Häufige Mittelohrentzündungen oder ein länger unbemerkter Paukenerguss dämpfen genau die feinen Unterschiede, um die es hier geht, und ein Kind kann nur sortieren, was bei ihm ankommt. Bleibt das Gehör unauffällig und die Verwechslungen bestehen trotzdem, kommt AVWS ins Spiel.

Wächst sich das aus?

Zum Teil ja, und genau das macht die Einschätzung schwierig. Viele Kinder holen ein einzelnes verspätetes Muster von allein auf. Was sich erfahrungsgemäß nicht von allein löst: mehrere Muster gleichzeitig, Muster aus der Kategorie, die in der normalen Entwicklung nicht vorkommt, und alles, was nach dem vierten Geburtstag noch die Verständlichkeit deutlich einschränkt.

Wenn behandelt wird, sind die Aussichten gut. Betrifft es ein oder zwei Muster, hört die Umgebung den Unterschied meistens schon im zweiten Verordnungsblock. Steckt eine Sprachentwicklungsstörung dahinter, in der auch Wortschatz und Grammatik betroffen sind, zieht sich das hin, weil dann mehr als die Lautebene zu tun ist.

Der zähe Teil kommt am Schluss und heißt Transfer. Ein Kind kann den Laut in Wörtern, in Sätzen und im Spiel, und im freien Erzählen fällt es trotzdem in das alte Muster zurück, weil dort die Aufmerksamkeit woanders liegt. Wir planen diese Phase von vornherein ein und beenden eine Behandlung nicht, sobald es im Therapieraum klappt.

Warum es vor der Einschulung eilt

Mit dem Schulanfang bekommt die Sache eine zweite Seite. Wer beim Schreiben lernt, zerlegt Wörter in Laute und ordnet jedem Laut einen Buchstaben zu. Ein Kind, dessen Lautsystem noch unsortiert ist, schreibt entsprechend: Was es falsch spricht, landet häufig auch falsch auf dem Papier.

Deshalb sind Störungen des Lauterwerbs ein bekannter Risikofaktor für spätere Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben. Wie sich das zeigt und was dann hilft, steht unter LRS; ob dafür wir zuständig sind oder eine Lerntherapie, hängt davon ab, ob die gesprochene Sprache noch mitspielt. Uns ist dabei der Zeitpunkt wichtig: Das Jahr vor der Einschulung ist das letzte, in dem Sie ohne Zeitdruck arbeiten können.

Läuft die Behandlung schon und ist sie erfolgreich abgeschlossen, lohnt trotzdem ein Blick gegen Ende des ersten Schulhalbjahres. Wenn dann das Schreiben hakt, greifen Sie früh und nicht erst in der dritten Klasse. Für eine erste Einschätzung vorab gibt es unseren Sprach-Check nach Altersstufen.

Beratung und Termin

Sie müssen nicht sicher sein, dass etwas nicht stimmt, um bei uns anzurufen. Ein kurzes Gespräch unter 0511 65580773 oder eine Mail an anmeldung@bona-lingua.de reicht für eine erste Einordnung, und ziemlich oft endet es mit dem Hinweis, dass Ihr Kind schlicht noch Zeit hat. Das Rezept holen Sie anschließend in der Kinderarztpraxis, gern im Rahmen einer U-Untersuchung.

Termine am Nachmittag sind bei Schulkindern gefragt und entsprechend knapp. Fragen Sie deshalb gleich nach mehreren Orten, die Wartezeiten gehen zwischen unseren Praxen weit auseinander. Was davon für Sie erreichbar ist, zeigt Ihre Praxen für Logopädie in Hannover.

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