Sigmatismus bei Kindern

Viele Kinder lispeln eine Zeit lang. Bei den meisten verschwindet es von allein, bei manchen nicht, und die Grenze verläuft nicht am Alter, sondern an der Form. Hier steht, woran Sie erkennen, welche Sie zu Hause hören, was das für die Therapie bedeutet und welche Übungen zu welcher Form passen. Die allgemeine Einordnung finden Sie auf unserer Seite zum Sigmatismus.

Lispeln bei Kindern: was Eltern hören

Der Klassiker ist die Sonne, aus der eine „Thonne“ wird. Genauso häufig hören Eltern ein Pfeifen, das durch die Zähne fährt, oder ein breites, feuchtes /s/, das gleich das ganze Wort undeutlich macht. Manche Kinder tauschen zusätzlich /sch/ und /s/, dann wird aus der Schule die „Sule“ oder aus der Sonne die „Schonne“.

Aufgefallen ist es meistens jemand anderem zuerst: der Erzieherin, den Großeltern, dem Kind selbst auf einem Handyvideo. Eltern hören ihr Kind jeden Tag und gewöhnen sich an den Klang. Das ist keine Unaufmerksamkeit, sondern normal.

Die kurze Antwort auf die Frage, ab wann das kein Durchgangsstadium mehr ist: Mit vier lohnt ein Blick, mit fünf sollte der Laut stehen. Welche Laute wann erwartet werden, steht ausführlich auf der Seite zum Sigmatismus und altersweise in unseren Tests für vierjährige und fünfjährige Kinder.

Welche Form hat das Lispeln meines Kindes?

Für eine erste Einschätzung brauchen Sie nur Augen und Ohren. Setzen Sie sich Ihrem Kind gegenüber, lassen Sie es ein paar S-Wörter sagen, etwa Sonne, Sofa, Bus, Wiese und Straße, und achten Sie auf die Zungenspitze und darauf, wo die Luft herauskommt. Eine Diagnose ist das nicht. Aber Sie wissen danach, wovon Sie im Erstgespräch reden.

Sigmatismus interdentalis

Sie sehen die Zungenspitze zwischen den Schneidezähnen. Das /s/ klingt nach dem englischen „th“, und beim Sprechen wirkt es manchmal, als würde das Kind die Zunge zeigen. Diese Form bemerken Eltern zuerst, weil man sie sieht und nicht nur hört. Fachlich heißt sie interdental.

Bei Kindern hängt sie oft an der Zungenruhelage. Drückt die Zunge auch beim Schlucken nach vorn (Zungenstoß) oder steht der Mund viel offen (Mundatmung), behandeln wir das mit, sonst kommt der alte Laut zurück. Dazu gehört die myofunktionelle Störung.

Sigmatismus addentalis

Hier sehen Sie nichts, die Zunge bleibt hinter den Zähnen. Sie liegt aber flach an den oberen Schneidezähnen an, statt eine Rille für die Luft zu lassen, und dadurch klingt das /s/ dumpf und gedrückt, ein wenig nach /t/. Weil man es nur hört, fällt diese Form manchmal jahrelang niemandem auf. Wir sehen sie regelmäßig erst bei Schulkindern, wenn Vorlesen dazukommt. In Befunden steht dafür dental.

Sigmatismus frontalis

Frontalis meint die beiden vorderen Formen zusammen, also interdental und addental. Wenn dieser Begriff in einem Bericht aus der Kita-Sprachförderung oder von der Kinderärztin auftaucht, ist ein nach vorn verlagertes /s/ gemeint und keine seltene Sonderform. Welche der beiden es genau ist, sehen wir im Befund.

Sigmatismus lateralis

Bei dieser Form nimmt die Luft den Weg über die Zungenränder statt durch die Mitte. Es klingt breit und feucht, Eltern beschreiben es oft als matschig, und es macht ein Kind schwerer verständlich als jede andere Form.

Dieses Muster gehört nicht zur normalen Sprachentwicklung. Es wächst sich nicht aus, und Kinder hören den Unterschied zwischen ihrem und einem korrekten /s/ am Anfang selbst kaum. Also früh anfangen und zu Hause nichts auf eigene Faust probieren. Warum, steht unten bei den Übungen.

Schetismus

Beim Schetismus trifft es nicht das /s/, sondern das /sch/. Aus der Schule wird die „Sule“, aus dem Schiff das „Siff“. Bei Kindern kommt er häufig zusammen mit einem Sigmatismus, weil beide Laute im Mund benachbart gebildet werden.

Eines lässt sich dabei leicht verwechseln. Kann Ihr Kind /sch/ und /s/ einzeln sauber bilden und vertauscht sie trotzdem im Wort, dann liegt es nicht an der Zunge, sondern an einer phonologischen Störung. Die Therapie sieht dann anders aus. Übungen für den /sch/-Laut stehen auf der Sigmatismus-Seite.

Was Sie zu Hause tun und besser lassen

Das Wirksamste ist unspektakulär: richtig vorsprechen, ohne zu korrigieren. Erzählt Ihr Kind vom „Thofa“, antworten Sie „stimmt, das Sofa ist neu“. Es hört das Muster, ohne unter Druck zu geraten.

„Sag das nochmal richtig“ bringt dagegen nichts. Das Kind kann es in diesem Moment nicht besser, und was hängen bleibt, ist die Erfahrung, beim Sprechen etwas falsch zu machen. Manche Kinder werden davon still.

Bitte auch keine Übungen aus Videos, solange die Form nicht geklärt ist. Beim lateralen Sigmatismus trainieren die gängigen Zischübungen den seitlichen Luftweg mit ein.

Zwei Baustellen können Sie unabhängig von der Therapie sofort angehen. Nuckelgewohnheiten beenden, wenn Schnuller oder Nuckelflasche noch im Spiel sind. Und bei dauerhaft offenem Mund in der HNO-Praxis nachfragen, dort gleich das Hören mitprüfen lassen: Wiederkehrende Mittelohrentzündungen dämpfen genau die hohen Frequenzen, auf die es beim /s/ ankommt, siehe Hörstörungen bei Kindern. Wenn das Zungenbändchen zu kurz aussieht, hilft Zungenband und orale Restriktionen weiter.

Kita, Einschulung, Zahnspange

An diesen Punkten wird es zeitkritisch, und deshalb kommen Eltern meist dann zu uns.

In der Kita fällt Lispeln im letzten Jahr vor der Schule auf, weil dort die Sprachstandserhebungen laufen. Wer erst danach beginnt, therapiert parallel zum Schulstart, und das ist für alle Beteiligten die unruhigste Zeit.

Mit dem Lesen und Schreiben kommt das Thema von einer zweiten Seite zurück. Kinder schreiben, was sie hören. Wer /s/ und /sch/ nicht auseinanderhält, hat beim Verschriften mehr Arbeit, siehe Störung des Lauterwerbs.

Und dann die Zahnspange. Sie richtet die Zähne, an der Zunge ändert sie nichts. Arbeitet die Zunge weiter gegen die Frontzähne, schiebt sie sie nach der Behandlung wieder heraus, und die Familie fängt von vorn an. Deshalb schicken Kieferorthopäden Kinder zu uns, oft schon vor dem Einsetzen. Was wann läuft, stimmen wir mit der Praxis ab.

Therapeutinnen und Therapeuten für Sigmatismus bei Kindern

Diese Kolleginnen und Kollegen arbeiten mit Kindern. Über den Namen kommen Sie zum Profil, dort stehen Standort, Ausbildung und Schwerpunkte. Für Erwachsene gibt es ein eigenes Team unter Sigmatismus bei Erwachsenen, weitere Aussprachethemen unter Artikulationsstörungen bei Kindern.

Sigmatismus Übungen Kinder

Was wir Eltern in der ersten Stunde sagen: Übungen sind der kleinere Teil. Entscheidend ist, dass ein Kind den Unterschied überhaupt hört, und das braucht Zeit, bevor am Laut gearbeitet wird. Wer zu früh übt, festigt den alten.

Egal wie alt das Kind ist: kurz und täglich. Fünf Minuten nach dem Zähneputzen bringen mehr als eine halbe Stunde am Wochenende. Ein Handspiegel gehört dazu, sonst arbeitet das Kind blind.

Mit drei oder vier geht es noch nicht um den Laut, sondern um Wahrnehmung und Mundmotorik. Wer hört den Fehler? Sie sagen Wörter, richtige und falsche gemischt, das Kind drückt auf ein Quietschtier oder legt einen Stein, wenn es das falsche /s/ erwischt. Dazu Pusteübungen: eine Feder über den Tisch, ein Papierschnipsel ins Tor, Seifenblasen.

Ab fünf kommt der Laut dazu. Der Weg über das /t/ trägt bei Kindern fast immer: „t – t – t – tsss“, dabei bleibt die Zunge oben. Danach Silbenketten (sa – se – si – so – su), dann Wörter mit /s/ am Anfang, dann am Ende, dann in der Mitte. Und Bilder statt Anweisungen, weil sich Kinder Bilder merken: Die Schlange zischt, die Zunge parkt in ihrer Garage.

Schulkinder können sich schon selbst kontrollieren, und das ist der Hebel. Sprachaufnahmen mit dem Handy, gemeinsam anhören, selbst entscheiden, welcher Versuch der bessere war. Viele hören sich dabei zum ersten Mal von außen.

Ein Fehler passiert in fast jeder Familie: Wortlisten üben, obwohl das einzelne /s/ noch nicht sitzt. Solange der Laut allein nicht klappt, wiederholt jedes Wort nur das alte Muster.

Sigmatismus lateralis Übungen

Beim lateralen Sigmatismus ist die Reihenfolge anders, deshalb steht dieser Abschnitt getrennt. Hier zuerst zu zischen, wäre kontraproduktiv: Solange die Luft seitlich abfließt, übt ein Kind bei jedem /s/ den falschen Weg mit ein.

Zuerst kommt die Mittellinie, und zwar ohne Laut. Durch einen Trinkhalm pusten, sodass ein Papierschnipsel über den Tisch fährt. Eine Feder in der Luft halten. Eine Kerze aus zwei Metern Entfernung ausblasen. Das gelingt alles nur mit gebündelter Luft, und darum geht es.

Danach die Zungenränder. Zunge breit machen, an die oberen Backenzähne legen, kurz halten, wieder lösen. Das Kind soll spüren, wie die Seiten abdichten, weil genau das beim /s/ passieren muss.

Erst dann der Laut, und meistens nicht über das /s/ selbst, sondern über einen anderen Startpunkt: ein langes /t/ oder ein gehaltenes /i/, aus dem heraus das /s/ entsteht. Welcher Umweg bei Ihrem Kind trägt, probieren wir in der Therapie aus. Das lässt sich zu Hause nicht erraten.

Und zur Erwartung: Diese Form braucht länger als die vorderen. Häufig muss der Laut vollständig neu aufgebaut werden, weil im Mund kein brauchbares Vorbild dafür existiert.

Wie die Therapie mit Kindern abläuft

Wir arbeiten im Spiel und nicht am Tisch mit Arbeitsblättern. Eine Einheit dauert 30 bis 45 Minuten, und die Aufmerksamkeit eines Fünfjährigen hält das nur, wenn zwischen den Lautübungen etwas anderes passiert.

Eltern sitzen mit im Raum, jedenfalls in den ersten Terminen und am Ende jeder Stunde. Sie sollen sehen und hören, was zu Hause weitergeht.

Verordnet werden meist zehn Einheiten, üblicherweise ein Termin pro Woche. Bei einem einzelnen betroffenen Laut reicht das oft für die Anbahnung und einen Teil der Festigung, für die Automatisierung folgt häufig eine zweite Verordnung. Den ausführlichen Ablauf mit allen Phasen finden Sie auf der Sigmatismus-Seite.

Wie lange dauert es?

Ehrlich gesagt wissen wir das nach der ersten Stunde nicht. Es gibt Fünfjährige, die den neuen Laut in der zweiten Sitzung haben und ihn vier Monate später im freien Sprechen benutzen. Und es gibt Kinder, bei denen allein die Anbahnung Wochen dauert.

Was die Dauer erfahrungsgemäß beeinflusst: die Form, wobei die vorderen einfacher sind als die seitliche, dann die Frage, ob Zungenruhelage und Schluckmuster mitbehandelt werden müssen, ob das Hören in Ordnung ist, und wie viel zwischen den Terminen passiert. Der letzte Punkt ist der einzige, den Sie in der Hand haben, und er wiegt schwerer, als die meisten erwarten.

Termin für Ihr Kind

Eine Stunde reicht, um zu klären, ob das /s/ Ihres Kindes noch in die Entwicklung passt oder nicht. Ein Anruf unter 0511 65580773 genügt, oder eine Mail an anmeldung@bona-lingua.de. Die Verordnung bekommen Sie in der Kinderarztpraxis, und wer keine hat, kann als Selbstzahler kommen.

An welchem unserer sieben Standorte gerade ein Platz frei ist, sagen wir Ihnen am Telefon. Adressen und Öffnungszeiten stehen unter Ihre Praxen für Logopädie in Hannover.

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