Sigmatismus

Sigmatismus ist der Fachbegriff für das, was im Alltag Lispeln heißt: Das /s/ klingt nicht sauber. Es zischt, pfeift, geht in Richtung „th“ oder rutscht seitlich weg. Damit kommen Vierjährige zu uns, Grundschulkinder, Jugendliche vor dem ersten Bewerbungsgespräch und Erwachsene, die es seit Jahrzehnten mit sich herumtragen. Sieben Praxen in Hannover und der Region.

Was ist Sigmatismus?

Sigmatismus ist eine Störung der Aussprache. Falsch gebildet werden die Zischlaute, vor allem /s/ und /z/, oft auch das /ts/ in „Zange“ und der Nachbarlaut /sch/. Der Laut fehlt nicht. Er entsteht an der falschen Stelle im Mund, oder die Luft nimmt den falschen Weg nach draußen, und das hört man sofort.

Fachlich gehört der Sigmatismus zu den phonetischen Störungen, also zu den Lautbildungsstörungen: Die Bewegung gelingt nicht. Bei einer phonologischen Störung ist es anders. Da kann ein Kind den Laut bilden, ersetzt ihn im Wort aber regelhaft durch einen anderen. Wo der Sigmatismus im Gesamtbild der Artikulationsstörungen (Dyslalie) steht, lesen Sie auf der Themenseite.

Es ist die häufigste Aussprachestörung im Deutschen, und das liegt am Laut selbst. Das /s/ braucht eine sehr feine Zungenstellung, wenige Millimeter entscheiden über den Klang. Entsprechend ist es der Laut, mit dem Kinder am längsten zu tun haben.

Sigmatismus und Lispeln: Ist das dasselbe?

Ja, dasselbe. Lispeln ist das Alltagswort, Sigmatismus der Fachbegriff, abgeleitet vom griechischen Buchstaben Sigma, unserem /s/. In Berichten an Ärzte und Krankenkassen steht deshalb Sigmatismus, im Wartezimmer reden wir vom Lispeln.

Dazu kommt oft ein dritter Begriff, der S-Fehler.

Was ist ein S-Fehler bei Kindern?

S-Fehler ist die Beschreibung von außen, also das, was Eltern, Erzieherinnen und Lehrkräfte hören: Die Sonne wird zur „Thonne“, der Bus zum „Buth“, das /s/ pfeift oder klingt matschig.

Für die Therapie reicht das nicht. Wir müssen wissen, wo die Zunge liegt und wohin die Luft geht, weil davon abhängt, welche Form vorliegt. Derselbe S-Fehler kann aus ganz unterschiedlichen Richtungen kommen.

Wo muss die Zunge beim S sein?

Beim deutschen /s/ liegt die Zungenspitze oben hinter den Schneidezähnen am Zahndamm, ohne stark aufzudrücken. In der Zungenmitte bleibt eine schmale Rille, durch die die Luft nach vorn strömt. Die Zahnreihen sind fast geschlossen, die Zungenränder liegen seitlich an den Backenzähnen und dichten ab. Die Luft geht geradeaus durch die Mitte, nicht zwischen die Zähne und nicht über die Seiten.

Wie spreche ich das S richtig aus?

Über einen anderen Laut findet man die Stelle am schnellsten. Sprechen Sie ein deutliches /t/ wie in „Tür“. Die Zungenspitze sitzt dann automatisch dort, wo sie beim /s/ hingehört. Lassen Sie sie danach genau da und die Luft weiterströmen, dann entsteht „tsss“ und daraus das /s/. Zähne locker zusammen, Lippen leicht breit. Zur Kontrolle den Handrücken vor den Mund halten: Die Luft muss vorn in der Mitte ankommen.

Klappt das bei Ihrem Kind nicht auf Anhieb, dann bitte nicht üben, bis es sitzt. Ein falscher Weg festigt sich schneller als der richtige.

Welche Arten von Sigmatismus gibt es?

Benannt sind die Formen danach, wo die Zunge liegt oder wohin die Luft entweicht. Vier davon sehen wir häufig.

Sigmatismus interdentalis

Die Zunge schiebt sich zwischen die Zahnreihen, das /s/ klingt wie das englische „th“ in „think“. Die bekannteste Form, und die, die Eltern zuerst auffällt, weil man die Zunge oft sieht. Im Lexikon steht der Begriff unter interdental.

Dahinter steckt häufig mehr als der Laut. Die Zunge liegt auch in Ruhe zu tief oder drückt beim Schlucken nach vorn, und bei Kindern, die lange genuckelt haben, finden wir beides fast immer zusammen. Dann behandeln wir gemeinsam mit der myofunktionellen Störung und dem viszeralen Schluckmuster, weil der alte Laut sonst zurückkommt.

Sigmatismus addentalis

Die Zungenspitze stößt von innen gegen die oberen Schneidezähne, statt die Rille freizulassen. Der Luftstrom bricht an den Zähnen, das /s/ klingt stumpf und gedrückt, fast in Richtung /t/. Der Fachbegriff dazu ist dental.

Man sieht nichts, und deshalb fällt diese Form Laien viel weniger auf als das interdentale Lispeln. Sie kommt oft spät zu uns, manchmal erst, wenn in der Schule vorgelesen werden soll.

Sigmatismus frontalis

Ein Sammelbegriff für die beiden vorderen Formen, also für alles, bei dem die Enge zu weit vorn entsteht: an den Zähnen oder zwischen ihnen. Manche Befunde schreiben frontalis statt interdentalis oder addentalis. Gemeint ist ein nach vorn verlagertes /s/, keine eigene, seltene Störung.

Sigmatismus lateralis

Die Luft entweicht seitlich über einen oder beide Zungenränder. Das klingt breit und feucht und ist schwer verständlich, für Zuhörer oft die auffälligste Variante überhaupt.

Therapeutisch ist es die mühsamste. Ein seitlicher Luftstrom kommt in der normalen Sprachentwicklung nicht vor, verschwindet also auch nicht von allein, und die Betroffenen hören den Unterschied am Anfang selbst kaum. Hier früh anzufangen lohnt sich, und hier sollte niemand auf eigene Faust üben.

Weitere Formen

  • Sigmatismus palatalis – die Zunge liegt zu weit hinten am harten Gaumen, das /s/ nähert sich einem /sch/.
  • Sigmatismus nasalis – ein Teil der Luft entweicht durch die Nase, häufig bei einer Rhinophonie oder einem schwachen Gaumensegel.
  • Sigmatismus stridens – die Rille ist zu eng, das /s/ pfeift schrill.
  • Sigmatismus labiodentalis – Unterlippe und obere Schneidezähne sind beteiligt, das /s/ geht in Richtung /f/.

Selten ist nur das /s/ betroffen. Oft ist der Nachbarlaut /sch/ mit dabei, dann heißt es Schetismus. Welchen Laut wir zuerst angehen, entscheidet der Befund.

Wie lange ist Sigmatismus normal?

/s/ und /sch/ lernen Kinder zuletzt. Die meisten bilden /s/ und /z/ zwischen dreieinhalb und viereinhalb Jahren sicher, das /sch/ oft erst mit knapp fünf. Ein dreijähriges Kind, das die Zunge beim /s/ noch zwischen die Zähne schiebt, ist damit unauffällig.

Lispelt ein Kind mit vier noch deutlich, lohnt eine logopädische Abklärung. Im letzten Kindergartenjahr würden wir nicht weiter abwarten, denn mit dem Schriftspracherwerb kommt das Thema sonst von einer anderen Seite zurück. Eine Einordnung nach Alter finden Sie in unseren Sprachentwicklungstests.

Die Faustregel hat Ausnahmen. Ein lateraler Sigmatismus ist kein Zwischenschritt der Entwicklung, er wächst sich in keinem Alter aus. Und beim Zahnwechsel zwischen sechs und acht fehlen vorn Zähne, da klingt ein /s/ vorübergehend anders: Wer davor sauber gesprochen hat, findet den Laut meist von selbst wieder, wer davor gelispelt hat, tut es danach in der Regel weiter.

Wann muss ein Kind das S sprechen können?

Mit vier ist ein korrektes /s/ erwartbar, mit fünf sollte es sitzen. Das heißt nicht, dass jedes Kind ab vier in Therapie gehört. Es heißt, dass ab vier hinschauen besser ist als weiter abwarten. Eine Abklärung dauert eine Stunde und nimmt Ihnen im besten Fall die Sorge.

Was sind die Ursachen für Sigmatismus?

Das findet sich im Befund am häufigsten:

  • Zahn- und Kieferstellung: offener Biss, Überbiss, Zahnlücken, eine feste Zahnspange. Wo die Zähne nicht abdichten, sucht die Luft sich einen anderen Weg.
  • Ein muskuläres Ungleichgewicht im Mund. Die Zunge liegt in Ruhe zu tief, drückt beim Schlucken nach vorn (Zungenstoß), die Lippen schließen nicht. Siehe myofunktionelle Störungen.
  • Dauerhafte Mundatmung, etwa durch vergrößerte Rachenmandeln oder Allergien. Bei offenem Mund kommt die Zunge nie oben zur Ruhe.
  • Ein verkürztes Zungenbändchen, mit dem die Zunge den Zahndamm nicht zuverlässig erreicht. Dazu haben wir eine eigene Seite: Zungenband und orale Restriktionen.
  • Wer den feinen Unterschied zwischen /s/ und /sch/ nicht hört, kann sich nicht korrigieren. Wiederkehrende Mittelohrentzündungen mit Paukenerguss sind ein häufiger Auslöser, siehe Hörstörungen bei Kindern.
  • Langes Nuckeln an Schnuller, Flasche oder Daumen, weit über das dritte Lebensjahr hinaus. Das formt Zahnstellung und Zungenlage mit.
  • Lispelt jemand in der Familie, hört ein Kind dieses Muster täglich.

Selten ist es nur eines davon, und was am Ende den Laut hält, ist von außen nicht zu erkennen. Deshalb beginnt eine Therapie mit Diagnostik und nicht mit einem Übungsblatt. Nur zu diesem Punkt gibt es Lispeln: Ursachen.

Ist Sigmatismus eine Sprachentwicklungsstörung?

In der Regel nicht. Sigmatismus ist eine Sprechstörung: Das Kind weiß, welches Wort es sagen will, und kennt den Laut, nur die Ausführung im Mund gelingt nicht. Eine Sprachentwicklungsstörung reicht weiter und betrifft Wortschatz, Grammatik, Satzbau oder Sprachverständnis. Auf der Verordnung steht bei einem isolierten Sigmatismus deshalb meist eine Artikulations- oder Lautbildungsstörung.

Beides zusammen kommt vor. Wenn ein Kind neben dem /s/ wenige Wörter benutzt, Sätze verdreht oder insgesamt schwer verständlich ist, prüfen wir das mit. Der klassische Fall ist aber ein einzelner Laut in einer sonst altersgerechten Sprache. Was oft mit dranhängt, ist die Störung des Lauterwerbs.

Warum spricht mein Kind „sch“ statt „s“?

Dafür gibt es zwei Gründe, die nichts miteinander zu tun haben.

Der eine ist die Lautbildung. Die Zunge liegt zu weit hinten, es entsteht ein Laut in Richtung /sch/, also der Sigmatismus palatalis von oben. Daran arbeiten wir über die Zungenposition.

Der andere sitzt nicht im Mund, sondern im Kopf. Das Kind kann beide Laute einzeln sauber bilden, sortiert sie im Wort aber falsch: Aus der Sonne wird die „Schonne“, aus der Tasse die „Tasche“. Das ist eine phonologische Störung, in Berichten auch Störung des Lauterwerbs genannt. Wir üben dann die Unterscheidung statt der Bewegung: Welches Wort ist gemeint, „Sonne“ oder „Schonne“?

Umgekehrt geht es genauso, /sch/ wird zu /s/, aus der Schule wird die „Sule“. Das ist ein Schetismus, Übungen dazu stehen weiter unten.

Ihr Team für Sigmatismus in Hannover und Region

Diese Kolleginnen und Kollegen behandeln Sigmatismus. Ein Klick auf den Namen führt zum Profil mit Standort und Schwerpunkten. Nach Altersgruppe getrennt finden Sie die Teams unter Sigmatismus bei Kindern und Sigmatismus bei Erwachsenen.

Was tun bei Sigmatismus?

Zuerst hinsehen lassen, nicht üben.

Lassen Sie beim Kinderarzt oder in der HNO-Praxis das Hören prüfen, auch wenn Ihr Kind gut zu hören scheint. Ein Paukenerguss tut nicht weh und dämpft trotzdem genau die hohen Frequenzen, auf die es beim /s/ ankommt.

Die Verordnung stellt die Kinderarzt-, HNO- oder Zahnarztpraxis aus. Logopädie ist ein Heilmittel, die Krankenkassen übernehmen sie. Auch ohne Verordnung können Sie als Selbstzahler zu uns kommen.

Für einen Termin rufen Sie an oder schreiben uns über das Kontaktformular. Wir sagen Ihnen, an welchem Standort gerade der kürzeste Weg zu einem Platz ist.

Bis die Therapie anfängt, hilft zu Hause vor allem das richtige Vorbild ohne Korrekturdruck. Sagt Ihr Kind „die Thonne“, antworten Sie „ja, die Sonne ist heute warm“. Wovon wir abraten: „Sag das nochmal richtig“ und Üben nach Videoanleitung, solange keiner weiß, welche Form vorliegt. Bei einem lateralen Sigmatismus verfestigen gut gemeinte Zischübungen genau den falschen Luftstrom.

Sigmatismus Logopädie: Wie läuft die Therapie ab?

Der Aufbau ist bei Kindern und Erwachsenen gleich, nur Tempo und Material unterscheiden sich.

Wir prüfen zuerst die betroffenen Laute einzeln, im Wort und im Gespräch, dazu Mundmotorik, Zungenruhelage, Schluckmuster, Zahnstellung und den Hörbefund. Danach wissen wir, welche Form vorliegt und was sie hält.

Bevor jemand einen Laut ändern kann, muss er den Unterschied hören, erst am Gegenüber, dann an sich selbst. Dieser Schritt wird gern übersprungen, und dann bringt alles Weitere wenig.

Der neue Laut wird isoliert erarbeitet, meist über einen Umweg wie das /t/ oder ein langes /i/. Manche haben ihn nach fünf Minuten, andere brauchen mehrere Sitzungen. Woran das liegt, können wir vorher selten sagen.

Danach wird gefestigt: vom Laut zur Silbe zum Wort zum Satz, erst am Wortanfang, dann am Ende, dann in der Mitte, zuletzt in Verbindungen wie /st/, /sp/ und /ks/. Zuletzt muss der Laut ins freie Sprechen, und dieser Abschnitt ist der längste. Hier entscheidet sich, ob die Therapie hält.

Liegt zusätzlich ein muskuläres Ungleichgewicht vor, läuft die myofunktionelle Therapie parallel, sonst schiebt die Zunge den Laut später wieder nach vorn.

Eine Verordnung umfasst üblicherweise zehn Einheiten von 30 bis 45 Minuten, meist einmal pro Woche. Bei einem isolierten Sigmatismus reicht das oft weit, häufig folgt eine zweite Verordnung für die Automatisierung. Kommen Schluckmuster, mehrere Laute oder eine Hörstörung dazu, dauert es länger. Wer nicht in die Praxis kommen kann: Hausbesuche und Online- beziehungsweise Teletherapie gibt es bei uns auch.

Wann sollte man Sigmatismus behandeln?

Ab vier Jahren, wenn das Lispeln deutlich hörbar ist, und spätestens im letzten Kindergartenjahr.

Sofort und unabhängig vom Alter bei einem lateralen oder nasalen Sigmatismus, weil beide nicht zur normalen Entwicklung gehören.

Sobald Ihr Kind selbst darunter leidet. Wenn es Wörter vermeidet, im Kindergarten nicht mehr erzählt oder gehänselt wird, ist das Grund genug, unabhängig vom Alter.

Vor oder begleitend zur Zahnspange. Eine kieferorthopädische Behandlung stellt die Zähne, nicht die Zunge. Drückt die Zunge weiter nach vorn, wandern die Zähne zurück. Das ist der häufigste Grund, aus dem Zahnärzte zu uns schicken.

Und bei Erwachsenen dann, wenn es Sie stört. Im Beruf, am Telefon, auf Aufnahmen der eigenen Stimme. Zu spät ist es nicht, siehe Lispeln bei Erwachsenen.

Sigmatismus Übungen

Übungen ersetzen keine Diagnostik, und die falsche Übung festigt das Muster. Das ist der Grund, warum hier keine vollständige Anleitung steht. Gut sind Übungen zwischen den Terminen, mit dem, was Ihre Therapeutin freigegeben hat. Fünf Minuten täglich bringen mehr als eine halbe Stunde am Sonntag.

Hören und unterscheiden

  • Zisch-Detektiv: Sie sprechen Wörter, manche mit richtigem, manche mit falschem /s/. Ihr Kind klingelt oder legt eine Karte, wenn es das falsche hört. Erst bei Ihnen, später bei sich selbst.
  • Handy mitlaufen lassen und gemeinsam anhören. Schulkinder und Erwachsene hören dabei oft zum ersten Mal, was wir eigentlich meinen.

Vorübungen für Zunge, Lippen und Luftstrom

  • Punkt suchen: mit einem Wattestäbchen kurz an den Zahndamm hinter den oberen Schneidezähnen tippen. Die Zunge soll diese Stelle wiederfinden und dort bleiben.
  • Zunge parkt oben: Zunge an die gefundene Stelle legen, Mund schließen, ruhig durch die Nase atmen, langsam bis zehn zählen. Das trainiert die Ruhelage und nicht den Laut.
  • „Küsschen“ und „Lächeln“ abwechseln, jeweils kurz halten.
  • Einen Papierschnipsel über den Tisch pusten, ohne die Wangen aufzublasen. Schult den gerichteten Luftstrom durch die Mitte.

Am Laut arbeiten

  • Vom /t/ zum /s/: „t – t – t – tsss“, dabei die Zunge oben lassen.
  • Schlange: langes /s/ halten, Zähne locker zusammen, Handrücken vor dem Mund prüft, ob die Luft vorn in der Mitte ankommt.
  • Silbenketten: sa – se – si – so – su, danach as – es – is – os – us.

Für alle diese Übungen gilt dasselbe: Zähne zusammen, Lippen breit, Luft geradeaus. Ein Spiegel hilft dabei mehr als jede Anweisung.

Sigmatismus interdentalis Übungen

Beim interdentalen Lispeln geht es um eine einzige Bewegung: Die Zunge muss hinter die Zähne, und sie muss dort bleiben.

Am schnellsten hilft dabei der Zaun aus den eigenen Zähnen. Die Zahnreihen locker zusammen und das /s/ hindurch sprechen, dann kann die Zunge nicht nach vorn und der Laut wird auf Anhieb sauberer. Dieses Gefühl ist das Ziel.

Über das /t/ findet die Zungenspitze die richtige Stelle ebenfalls von allein. Aus „t – t – tsss“ wächst das /s/ heraus, ohne dass jemand die Position erklären muss. Ein gehaltenes „iii“ bringt Zunge und Lippen in dieselbe Spannung, von dort lässt sich in das /s/ gleiten.

Zur Kontrolle taugt ein Trinkhalm vor den Schneidezähnen: Rutscht die Zunge zwischen die Zähne, verfehlt die Luft den Halm.

Am schwersten fällt die Ruhelage im Alltag, und sie bringt am meisten. Zunge parkt oben, Mund zu, Nasenatmung. Ein Sticker am Badspiegel oder am Federmäppchen erinnert daran, und nach unserer Erfahrung braucht es diese Erinnerung mehrere Monate lang.

Wenn Ihr Kind dauerhaft durch den Mund atmet, gehen Sie diesen Punkt zuerst an, gern zusammen mit der HNO-Praxis. Bei offenem Mund liegt die Zunge unten, und dann hat sie keinen Grund, oben zu bleiben.

Wie übt man den S-Laut?

Entscheidend ist die Reihenfolge. Laut allein, dann Silbe, dann Wort, dann Satz, dann Gespräch. Innerhalb der Wörter beginnen wir am Wortanfang („Sonne“), dann am Wortende („Bus“), dann in der Mitte („Wiese“) und zuletzt in Konsonantenverbindungen („Stein“, „Spiel“, „links“).

Der Fehler, den wir am häufigsten sehen: Familien üben Wortlisten, obwohl der Laut isoliert noch nicht sicher sitzt. Das erzeugt Frust auf beiden Seiten und bringt den Laut nicht weiter.

Gut funktionieren Bilder statt Anweisungen. „Die Schlange zischt“, „die Zunge parkt in der Garage hinter den Zähnen“, „die Luft fährt auf der Mittelspur“. Kinder merken sich Bilder, keine anatomischen Beschreibungen. Und nach dem Üben ruhig zurück ins normale Sprechen, ohne weiter zu kontrollieren. Der Transfer braucht Pausen.

Welche Übungen bei Schetismus?

Beim Schetismus ist das /sch/ betroffen. Der Laut braucht andere Voraussetzungen als das /s/: Die Zunge liegt etwas weiter hinten, der Kanal ist breiter, und die Lippen schieben sich nach vorn.

Die Lippen kommen zuerst: „Küsschen – Lächeln“ im Wechsel, dann die Rundung halten und Luft durchlassen. Ohne vorgeschobene Lippen klingt /sch/ nicht wie /sch/.

Von dort führt eine Rutschbahn zum Laut. Ein langes /s/ beginnen und die Zunge langsam nach hinten schieben, bis der Klang in /sch/ umkippt, und diesen Punkt bewusst festhalten.

Manchen Kindern hilft stattdessen „tsch – tsch – tschhh“, wobei das /t/ am Ende wegfällt, oder das Leise-Zeichen mit dem Finger vor dem Mund. Das „Schhh“ kennen sie aus dem Alltag, oft kommt es dabei ganz von selbst.

Entweicht die Luft seitlich, sichern wir erst die Mittellinie über Strohhalm- und Pusteübungen und gehen danach an den Laut.

Sind /s/ und /sch/ beide betroffen, arbeiten wir sie nacheinander ab. Zwei ähnliche Ziele parallel führen dazu, dass beide verwechselt werden.

Warum Lispeln im Alter?

Wer als Erwachsener anfängt zu lispeln, hat selten etwas verlernt. Meistens hat sich die Umgebung im Mund verändert.

Am häufigsten ist Zahnersatz. Eine neue Prothese, Krone oder Brücke verändert die Millimeter, auf die es beim /s/ ankommt, und ein Zischen oder Pfeifen direkt nach dem Einsetzen ist typisch. Erste Adresse ist die Zahnarztpraxis, weil oft die Passung nachjustiert werden muss. Bleibt der Laut danach auffällig, lässt er sich logopädisch neu einstellen.

Dasselbe gilt bei Zahnverlust und verändertem Biss: Fehlen Zähne oder geht das Zahnfleisch zurück, fehlt der Zunge die Begrenzung.

Weniger bekannt ist der trockene Mund. Viele Medikamente reduzieren den Speichelfluss, die Zunge gleitet schlechter, die Aussprache wird unpräziser. Auch Kraft und Feinmotorik der Zungenmuskulatur lassen nach, und das trifft feine Laute wie /s/ zuerst.

Das Gehör wird bei diesem Thema fast immer übersehen. Altersschwerhörigkeit beginnt bei den hohen Frequenzen, also genau dort, wo das /s/ liegt. Wer sich selbst nicht mehr hört, kann sich nicht korrigieren, deshalb gehört ein Hörtest dazu.

Wird die Aussprache plötzlich verwaschen, sind mehrere Laute betroffen, verändert sich die Stimme oder wird das Sprechen langsamer, dann kann eine neurologische Ursache dahinterstecken, etwa eine Dysarthrie nach einem Schlaganfall oder bei Parkinson. Das ist kein Lispeln und sollte sofort ärztlich abgeklärt werden.

Sonst gilt: Erwachsene finden den richtigen Laut häufig schneller als Kinder, weil sie bewusst arbeiten und verstehen, worum es geht. Aufwendiger ist bei ihnen das Automatisieren. Jahrzehnte Gewohnheit brauchen ihre Zeit, bis der neue Laut auch im unbeobachteten Gespräch trägt.

Was können Sprachstörungen auslösen?

Sigmatismus gehört zu den harmloseren Störungsbildern. Die Auslöser von Sprach-, Sprech- und Stimmstörungen insgesamt sind breit gestreut.

Bei Kindern sind das vor allem Hörstörungen, ein verzögerter Sprachbeginn wie beim Late Talker, Auffälligkeiten der Mund- und Sprechmotorik, Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalten, eine auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung, genetische Syndrome sowie zu wenig sprachliche Anregung im Alltag. Mehrsprachigkeit gehört ausdrücklich nicht dazu. Sie ist keine Ursache einer Störung, auch wenn sie die Diagnostik anspruchsvoller macht.

Bei Erwachsenen stehen erworbene Ursachen im Vordergrund: Schlaganfall mit Aphasie oder Dysarthrie, Schädel-Hirn-Trauma, Tumoren im Kopf-Hals-Bereich, Parkinson, Multiple Sklerose, ALS, Demenzerkrankungen, dazu Stimmüberlastung in Sprechberufen und starke psychische Belastung.

Eine Übersicht aller Störungsbilder, die wir behandeln, finden Sie unter Logopädie für Kinder und Logopädie für Erwachsene.

Termin in einer unserer sieben Praxen

Sie sind unsicher, ob das /s/ Ihres Kindes noch in die Entwicklung passt? Oder Sie möchten Ihr eigenes Lispeln nach Jahren angehen? Rufen Sie uns unter 0511 65580773 an oder schreiben Sie an anmeldung@bona-lingua.de. Nach der ersten Stunde sagen wir Ihnen, was wir gefunden haben und ob eine Therapie sinnvoll ist.

Sie finden uns in Hannover-List, Kleefeld, Hainholz, Bothfeld, in der Südstadt sowie in Langenhagen und Burgdorf. Eine Karte aller Standorte gibt es unter Ihre Praxen für Logopädie in Hannover.

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