Spasmodische Dysphonie
Die spasmodische Dysphonie ist die Stimmstörung, die am längsten falsch eingeordnet wird. Betroffene sprechen gepresst und stockend, jedes zweite Wort bricht ab, und beim Singen oder Lachen ist die Stimme plötzlich makellos. Weil das nach Nerven klingt, hören viele über Jahre, sie sollten sich weniger aufregen. Tatsächlich handelt es sich um eine Bewegungsstörung des Kehlkopfes, eine Dystonie, vergleichbar mit dem Schreibkrampf an der Hand. Hier steht, woran man sie erkennt, warum die Diagnose so lange dauert, wie die Behandlung mit Botulinumtoxin abläuft und was Stimmtherapie dabei leisten kann. Die kurze fachliche Einordnung finden Sie auf unserer Seite zur funktionellen Dysphonie.
Woran man sie erkennt
Das auffälligste Merkmal steht nicht in dem, was schwerfällt, sondern in dem, was mühelos geht. Die Stimme versagt beim gewöhnlichen Sprechen und funktioniert in fast allen anderen Lagen.
- Beim Sprechen klingt die Stimme gepresst, knarrend und abgehackt, Wörter brechen mitten im Vokal ab.
- Singen gelingt oft ohne jede Einschränkung, ebenso Lachen, Weinen, Gähnen und Husten.
- In hoher Stimmlage oder im Flüstern verschwindet das Problem häufig ganz.
- Das Sprechen kostet spürbar Kraft, als müsste jedes Wort gegen einen Widerstand herausgedrückt werden.
- Am Telefon und unter Anspannung wird es deutlich schlechter, im vertrauten Gespräch und nach einem Glas Wein besser.
- Der Verlauf ist schleichend: Über Monate bis Jahre nimmt es zu und bleibt dann auf einem Niveau.
Der Punkt mit dem Alkohol und der Anspannung ist der Grund für die meisten Fehldeutungen. Er sieht nach Psyche aus. Tatsächlich verhalten sich alle Dystonien so, auch der Schreibkrampf und der Schiefhals, und beide gelten unstrittig als neurologisch.
Adduktor und Abduktor
Der Kehlkopf öffnet und schließt die Stimmlippen mit gegenläufigen Muskelgruppen. Je nachdem, welche Gruppe überschießt, sieht die Störung anders aus, und das entscheidet über die Behandlung.
Bei der weitaus häufigeren Adduktorform pressen sich die Stimmlippen beim Sprechen unwillkürlich zusammen. Die Stimme klingt gequetscht und stockt, besonders bei Wörtern, die mit einem Vokal beginnen. Diese Form macht etwa vier von fünf Fällen aus.
Bei der Abduktorform reißen die Stimmlippen im falschen Moment auf. Dann fällt die Stimme unvermittelt weg und der Betroffene bleibt tonlos hängen, typischerweise nach stimmlosen Lauten wie p, t, k und h. Wer viel mit solchen Lauten zu tun hat, merkt das an bestimmten Wörtern immer wieder an derselben Stelle.
Mischungen kommen vor, ebenso ein begleitender Stimmtremor, bei dem die Stimme zusätzlich zittert. Welche Ausprägung vorliegt, beurteilen Phoniatrie oder eine spezialisierte HNO-Praxis anhand der Stimme und der Bewegung der Stimmlippen im Endoskop, und die Unterscheidung ist keine Feinheit: Der Behandlungsort im Muskel ist bei beiden ein anderer.
Warum die Diagnose so lange dauert
Zwischen den ersten Beschwerden und der richtigen Einordnung liegen bei diesem Bild häufig Jahre. Dafür gibt es nachvollziehbare Ursachen.
Die Stimmlippen sehen im Ruhezustand normal aus. Wer nur hineinschaut, ohne sprechen zu lassen, findet nichts. Die Störung zeigt sich ausschließlich in der Bewegung während des Sprechens, und dafür braucht es eine Untersuchung, bei der genau das beobachtet wird.
Dazu kommt die Schwankung. An guten Tagen ist die Stimme fast unauffällig, ausgerechnet oft im Untersuchungszimmer, weil dort langsam und bewusst gesprochen wird. Betroffene berichten regelmäßig, sie hätten ausgerechnet in diesem Moment gut geklungen und seien deshalb nach Hause geschickt worden.
Und schließlich die naheliegende Fehlspur. Weil Anspannung das Bild verschlechtert, landen viele bei der Einordnung als psychogen. Die psychogene Stimmstörung gibt es, sie sieht anders aus und beginnt meist schlagartig, während die spasmodische Dysphonie sich über Monate aufbaut und in ihrem Muster gleich bleibt. Wenn Sie diesen Verdacht schon einmal gehört haben und die Behandlung nichts gebracht hat, ist das ein Argument, noch einmal genauer hinzusehen, kein Grund aufzugeben.
Abzugrenzen sind außerdem eine Lähmung, die einseitig auftritt und die Stimme behaucht statt gepresst macht, siehe Recurrensparese und Stimmlippenlähmungen, sowie die überlastungsbedingte Verspannung, die sich anders als hier durch Schonung bessert.
Wer bei uns spasmodische Dysphonien behandelt
Dieses Bild sehen auch erfahrene Stimmtherapeutinnen nicht jede Woche, und die Behandlung läuft in enger Abstimmung mit der Phoniatrie. Fündig werden Sie in der Aufstellung darunter bei allen, die Stimme und Neurologie zugleich abdecken; angegeben sind jeweils Praxis, Ausbildungsweg und Schwerpunkte. Dieselben Personen erreichen Sie über Dysphonie: Therapeuten und Logopäden und über Neurologie-Logopäden.
Saya Ritze

Staatlich anerkannte Logopädin. Schwerpunkte: Kindersprache, Stimmtherapie
mehr über Saya RitzeVanessa Gensch

Staatlich anerkannte Logopädin. Schwerpunkte: Sprachentwicklungsstörungen, Dysphonie, neurogene Sprach- und Sprechstörungen …
mehr über Vanessa GenschBüşra Geni

Staatlich anerkannte Logopädin. Schwerpunkte: Stimmstörungen, neurologische Störungsgebiete, Kindersprache, Stimmtherapie für Transgender und Transsexuelle …
mehr über Büşra GeniNadja Seitz

Staatlich anerkannte Logopädin, Stimmtrainerin. Schwerpunkte: neurologische und degenerative Erkrankungen, TK-Management, Stimmtherapie, Sprachentwicklungsstörungen
mehr über Nadja SeitzMarie Schütte

Staatlich anerkannte Logopädin. Schwerpunkte: Sprachentwicklungsstörungen, Stimmstörungen, neurologische Krankheitsbilder …
mehr über Marie SchütteRichard Seelig

Staatlich anerkannter Logopäde B. Sc, Dysphagie-Fachtherapeut. Schwerpunkte: neurologische/degenerative Erkrankungen, Stimm- und Aussprachestörungen, MST, AAP …
mehr über Richard SeeligBehandlung mit Botulinumtoxin
Die wirksamste Behandlung ist heute die gezielte Injektion von Botulinumtoxin in den betroffenen Kehlkopfmuskel. Sie erfolgt in spezialisierten Zentren durch Phoniatrie oder HNO, unter Kontrolle der Muskelaktivität oder endoskopisch, und dauert wenige Minuten.
Wichtiger als die Technik ist für Sie der Verlauf danach, weil er einem festen Muster folgt und Sie darauf planen können. In den ersten ein bis zwei Wochen ist die Stimme schwach und behaucht, manchmal fast tonlos, und Flüssigkeiten können sich leichter verschlucken. Diese Phase gehört dazu und ist kein Fehler bei der Behandlung. Danach folgen etwa drei bis vier Monate, in denen die Stimme deutlich besser läuft als vorher. Zum Ende hin kehren die Unterbrechungen allmählich zurück, und dann steht die nächste Injektion an.
Was wir in diesem Rhythmus tun, unterscheidet sich je nach Phase. In der schwachen Zeit arbeiten wir daran, dass Sie mit wenig Stimme möglichst viel transportieren, also mit Artikulation, Tempo und Pausen statt mit Druck, und wir sehen uns das Trinken an. In der guten Phase geht es darum, die Gewohnheiten abzubauen, die sich über Jahre angesammelt haben. In der abklingenden Phase halten wir fest, wann genau es kippt; diese Aufzeichnung hilft dem behandelnden Zentrum, den Abstand und die Menge anzupassen.
Nicht jeder spricht auf die Behandlung an, und bei der Abduktorform sind die Ergebnisse im Schnitt weniger gut als bei der Adduktorform. Über Alternativen und über operative Verfahren entscheidet das Zentrum, nicht wir.
Was Stimmtherapie leisten kann
Hier gehört Ehrlichkeit an den Anfang: Stimmtherapie heilt eine spasmodische Dysphonie nicht. Wer Ihnen das verspricht, hat das Bild nicht verstanden. Die Ursache liegt in der Steuerung durch das Nervensystem, und daran kommen wir mit Übungen nicht heran.
Damit ist die Frage nach der Heilbarkeit beantwortet, und zwar für alle Verfahren zusammen: Heilbar im Sinne von dauerhaft verschwunden ist dieses Bild nach heutigem Stand nicht, gut behandelbar dagegen schon. Dazu gehört, was den Schrecken nimmt. Die Störung ist nicht fortschreitend, sie bleibt also meistens auf dem Niveau, das sie nach einigen Jahren erreicht hat, und sie greift nichts anderes an: Atmung, Schlucken und Lebenserwartung sind nicht betroffen. Was sie kostet, ist Verständlichkeit und Kraft, und genau daran lässt sich arbeiten.
Was wir erreichen können, ist trotzdem beträchtlich, weil sich über die eigentliche Störung mit den Jahren eine zweite Schicht legt. Wer gegen einen Krampf anspricht, drückt nach, spannt Schultern und Nacken an, presst die Restluft heraus und hält den Atem an. Dieser aufgesetzte Kraftaufwand ist erlernt, und er lässt sich abbauen. Bei manchen Betroffenen macht er einen erheblichen Teil der Anstrengung aus.
Konkret arbeiten wir an einer Sprechweise mit weichem Stimmeinsatz, an Atemführung, die nicht gegen den Verschluss anläuft, und an kurzen Sinnabschnitten statt langer Sätze. Dazu kommen Strategien, die in der schlechten Phase tragen: langsamer beginnen, den ersten Ton auf einem Summen ansetzen, in der besseren Tonlage sprechen. Vieles davon stammt aus der klassischen Stimmtherapie und wird hier anders dosiert, weil kräftigende Übungen bei dieser Störung das Gegenteil bewirken können.
Ein zweiter Nutzen wird unterschätzt. Sie bekommen eine Erklärung für etwas, das Sie sich lange selbst zugeschrieben haben. Nach unserer Erfahrung ändert dieser Punkt für Betroffene mehr als die Hälfte der Übungen.
Beruf, Telefon, Alltag
Die Störung trifft vor allem die Situationen, in denen man ohnehin unter Beobachtung steht.
Beim Telefonieren fehlt das Mundbild, und der Gesprächspartner hat nichts als die Stimme. Was hilft: den eigenen Namen und die Sache in einem kurzen Satz vorwegnehmen, Freisprechen statt Hörer, und bei wichtigen Gesprächen die gute Phase nach der Injektion nutzen. Für wiederkehrende Anliegen ist Schriftverkehr keine Kapitulation, sondern die vernünftigere Wahl.
Im Beruf lohnt sich Offenheit an der richtigen Stelle. Ein Satz zu Beginn einer Besprechung nimmt dem Raum die Unsicherheit und Ihnen den Druck, unauffällig klingen zu müssen. Wer viel spricht, sollte die Terminplanung an den Injektionsrhythmus koppeln, soweit das geht. Und ein Mikrofon nimmt Ihnen zwar den Krampf nicht ab, aber die zusätzliche Lautstärke, die Sie sonst aufbringen.
Was wir nicht empfehlen: Schonung als Dauerlösung. Anders als bei einer überlasteten Stimme bringt Schweigen hier nichts, und der Rückzug aus Gesprächen kostet mehr, als er einspart.
Beratung und Termin
Rufen Sie an, auch wenn die Diagnose noch nicht feststeht. Für Terminfragen gilt bei uns die Nummer 0511 65580773, für alles Schriftliche die Adresse anmeldung@bona-lingua.de, und bei diesem Bild ist Schreiben oft der angenehmere Weg. Beschreiben Sie dabei bitte, ob Singen und Lachen besser gehen als Sprechen, und seit wann es besteht; diese beiden Angaben trennen die spasmodische Dysphonie von den meisten anderen Stimmstörungen.
Bringen Sie zum ersten Termin den HNO- oder phoniatrischen Befund mit und, falls schon behandelt wird, das Datum der letzten Injektion. Ohne diese Angabe beurteilen wir Ihre Stimme womöglich in der schwächsten Woche des Zyklus und ziehen die falschen Schlüsse. Eine Handyaufnahme aus dem Alltag ergänzt das gut, weil im Behandlungsraum meist bewusster gesprochen wird.
Wenn noch keine Diagnostik gelaufen ist, sagen Sie uns das ebenfalls. Wir kennen die Anlaufstellen, an denen in und um Hannover mit Botulinumtoxin am Kehlkopf gearbeitet wird, und geben Ihnen die Namen mit, damit Sie nicht bei null anfangen. Die Verordnung selbst stellt die HNO-, phoniatrische oder hausärztliche Praxis aus. Wo unsere sieben Praxen liegen und wann dort geöffnet ist, sehen Sie unter Ihre Praxen für Logopädie in Hannover; ein Teil der Termine lässt sich auch per Bildschirm wahrnehmen, siehe Onlinetherapie und Teletherapie.
Weiterlesen
- Funktionelle Dysphonie
- Neurologisch bedingte Stimmstörungen
- Psychogene Stimmstörung
- Stimmstörung und Dysphonie im Überblick
- Was das Wort Dysphonie auf einem Befund aussagt
- Lexikon: Stimmlippenlähmungen
- Stimmtherapie bei Bona Lingua
- Logopädie für Erwachsene




