Dysgrammatismus
„Ich habe gegesst." „Der Hund hat gebissen den Mann." „Mama, ich will auch mitgehen mit." Sätze wie diese gehören zum Spracherwerb dazu, jahrelang, und sie verschwinden bei den meisten Kindern von allein. Beim Dysgrammatismus tun sie das nicht. Hier finden Sie eine Übersicht, welche grammatische Regel in welchem Alter erwartet wird, woran wir eine Verzögerung von einer Störung unterscheiden und warum Verbessern zu Hause der schlechteste Weg ist. Wo der Dysgrammatismus im Gesamtbild einer Sprachentwicklungsstörung steht, zeigt unsere Therapieseite zur Sprachentwicklungsstörung (SES/SEV).
Woran man es im Alltag hört
Beim Dysgrammatismus geht es um die Grammatik und sonst nichts. Ein betroffenes Kind kann die Laute bilden, es hat oft einen ordentlichen Wortschatz, und es weiß genau, was es erzählen will. Was fehlt, sind die Regeln, nach denen Wörter ihre Form ändern und im Satz ihren Platz finden. Wie beides zusammenhängt, steht unter Grammatik und Syntax.
In der Praxis begegnen uns dabei immer wieder dieselben Muster:
- Das Verb steht am falschen Platz oder ganz am Ende: „Ich auch ein Eis haben will."
- Die Personalform passt nicht: „Du gehen jetzt", „Ich hat das gemacht."
- Der Fall stimmt nicht, besonders zwischen Dativ und Akkusativ: „Ich gebe der Hund das Futter." Der Fachbegriff dafür steht unter Kasus.
- Der Artikel fehlt oder ist falsch: „Mama gibt Ball", „das Hund".
- Die Mehrzahl wird frei gebildet: „zwei Bäumer", „drei Schaufs".
- Vergangenheitsformen werden regelmäßig gemacht, obwohl sie es nicht sind: „gegesst", „gegeht", „gefliegt".
- Nebensätze fehlen ganz, alles wird mit „und dann" aneinandergehängt.
Beim vorletzten Muster liegen Eltern regelmäßig daneben. „Gegesst" ist ein gutes Zeichen, jedenfalls im richtigen Alter. Das Kind hat die Regel für die Vergangenheit verstanden und wendet sie auf ein unregelmäßiges Verb an. Das nennt sich Übergeneralisierung und gehört zur normalen Entwicklung dazu. Auffällig wird es erst, wenn diese Formen mit fünf oder sechs noch die Regel sind.
Welche Regel wann kommen sollte
Beim Aufbau der Grammatik halten Kinder eine ziemlich feste Reihenfolge ein, quer durch Familien und Milieus. Die Altersangaben unten bündeln, was Erhebungen zum deutschen Spracherwerb zeigen und was uns im Behandlungsalltag begegnet. Lesen Sie sie als Korridor, in dem sich Kinder bewegen, und nicht als Termin im Kalender.
- Mit etwa zwei Jahren kommen die ersten Zweiwortsätze: „Mama da", „Auto weg".
- Um zweieinhalb wandert das Verb aus der Endstellung nach vorn, es heißt also „Ich will Saft" statt „Ich Saft will".
- Mit drei Jahren sollte die Personalform beim Verb überwiegend stimmen, ebenso der Artikel bei vertrauten Wörtern.
- Mit dreieinhalb bis vier tauchen Nebensätze auf, eingeleitet mit „weil", „dass" oder „wenn", und das Verb rutscht darin korrekt ans Ende.
- Mit vier Jahren sitzen Dativ und Akkusativ bei den häufigen Verben, und die Mehrzahl gelingt bei bekannten Wörtern.
- Bis etwa fünf klärt sich der Rest: unregelmäßige Vergangenheitsformen, seltene Pluralformen, das Passiv.
Eines fällt aus dieser Reihe heraus. Wenn ein Kind mit vier noch durchgehend das Verb ans Satzende stellt, liegt es nicht an ein paar fehlenden Monaten. Dann steht ein Muster dahinter, das in dieser Ausprägung aus der Entwicklung herausfällt. Solche Kinder sehen wir uns früher an als die anderen.
Wann es keine Phase mehr ist
Die häufigste Sorge in unseren Erstgesprächen betrifft nicht die Fehler selbst, sondern die Frage, ob man abwarten darf. Ein paar Hinweise helfen dabei weiter.
Sehen Sie sich an, wie breit die Baustelle ist. Ein Kind, das nur mit dem Dativ hadert und sonst altersgemäß spricht, ist etwas anderes als ein Kind, bei dem Verbstellung, Artikel und Mehrzahl zusammen wackeln. Bei Letzterem summiert sich der Effekt.
Achten Sie auf das Verstehen. Wenn Ihr Kind bei „Zeig mir, wen der Junge schiebt" ebenso oft danebengreift wie bei „Zeig mir, wer den Jungen schiebt", geht es nicht nur um die Ausdrucksseite. Ein eingeschränktes Sprachverständnis verändert die Dringlichkeit deutlich, weil es im Kindergarten und später im Unterricht mitläuft.
Der dritte Blick geht auf das Drumherum, denn ein Dysgrammatismus steht selten allein. Meistens gehört er zu einer breiteren Sprachentwicklungsstörung, in der auch Wortschatz und Aussprache betroffen sind; wie sich die Ebenen Sprache und Sprechen voneinander abgrenzen, sortiert die Übersicht unter Sprechtherapie für Kinder. Sucht Ihr Kind zusätzlich nach Wörtern, obwohl es sie kennt, führt Wortfindungsstörung bei Kindern weiter. Wenn die ersten Wörter spät kamen, lohnt der Blick auf Late Talker; wenn zusätzlich Laute fehlen, auf Störung des Lauterwerbs.
Eine erste Einschätzung nach Altersstufen, die Sie in zehn Minuten zu Hause machen können, steht unter Sprach-Check für Ihr Kind.
Wer bei uns an Grammatik arbeitet
Grammatikarbeit gehört zum Handwerk jeder Kinderlogopädin und jedes Kinderlogopäden, spezielle Zusatzqualifikationen braucht es dafür nicht. Wichtiger ist, dass Ihr Kind mit der Person zurechtkommt, denn hier wird über Monate gespielt und gesprochen. Wer bei uns Sprachentwicklungsstörungen behandelt, sehen Sie in der Liste darunter, mit Standort und Ausbildung hinter dem jeweiligen Namen. Sortiert nach Fachgebiet finden Sie dieselben Personen auf der Seite Therapeuten bei Sprachentwicklungsstörung.
Deborah Kabelitz

Kurztext: Staatlich anerkannte Atem-, Sprech- & Stimmlehrerin. Schwerpunkte: Kindersprache, Stimmtherapie
mehr über Deborah KabelitzSaya Ritze

Staatlich anerkannte Logopädin. Schwerpunkte: Kindersprache, Stimmtherapie
mehr über Saya RitzeRonja Köhne

Staatlich anerkannte Logopädin. Schwerpunkte: Stimmtherapie, Kindersprache, Neurologie
mehr über Ronja KöhneBüsra Aygün

Staatlich anerkannte Logopädin. Schwerpunkte: Stimmtherapie, Kindersprache, Neurologie
mehr über Büsra AygünSofie Lebek

Staatlich anerkannte Logopädin. Schwerpunkte: Kindersprache, Neurologie, Stimme
mehr über Sofie LebekFreyja Meißler

Staatlich anerkannte Logopädin. Schwerpunkte: Kindersprache, Kinder mit Behinderungen
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Staatlich anerkannte Logopädin. Schwerpunkte: Kindersprache, Neurologie, Stimmtherapie
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Staatlich anerkannte Logopädin (B.Sc.). Schwerpunkte: Sprachentwicklungs-, Stimm- und Redeflussstörungen, myofunktionellen Störungen & selektiven Mutismus …
mehr über Milena Hagemann-GommMarie Meyer

staatlich geprüfte Atem-, Sprech- und Stimmlehrerin. Schwerpunkte: Kindersprache, Stimmtherapie und neurologische Störungsbilder
mehr über Marie MeyerSophia-Carolin Reinert

Staatlich anerkannte Logopädin (B. Sc.). Schwerpunkte: Kindersprache, neurologische Störungsbilder, Stimmstörungen …
mehr über Sophia-Carolin ReinertLena Schelper

Staatlich anerkannte Logopädin für Sprachentwicklungsstörungen, myofunktionelle Störungen, Aussprachestörungen (Dyslalie), AVWS …
mehr über Lena SchelperAnneke Brockmann

Logopädin. Schwerpunkte: Stimmstörungen, Kindersprache …
mehr über Anneke BrockmannJosefine Zacherl

Staatlich anerkannte Logopädin. Schwerpunkte: Störung der Spachentwicklung im Kindesalter, Dysphonie, myofunktionelle Störungen …
mehr über Josefine ZacherlVanessa Gensch

Staatlich anerkannte Logopädin. Schwerpunkte: Sprachentwicklungsstörungen, Dysphonie, neurogene Sprach- und Sprechstörungen …
mehr über Vanessa GenschBüşra Geni

Staatlich anerkannte Logopädin. Schwerpunkte: Stimmstörungen, neurologische Störungsgebiete, Kindersprache, Stimmtherapie für Transgender und Transsexuelle …
mehr über Büşra GeniNadja Seitz

Staatlich anerkannte Logopädin, Stimmtrainerin. Schwerpunkte: neurologische und degenerative Erkrankungen, TK-Management, Stimmtherapie, Sprachentwicklungsstörungen
mehr über Nadja SeitzMarie Schütte

Staatlich anerkannte Logopädin. Schwerpunkte: Sprachentwicklungsstörungen, Stimmstörungen, neurologische Krankheitsbilder …
mehr über Marie SchütteMarion Koch

Dipl.-Heilpädagogin. Schwerpunkte: Sprachanbahnung bei Kindern, LKGS, AWVS, Schluckstörungen, Kindersprache, Aphasien, Dysphagien …
mehr über Marion KochNicole Hoyer Garcia

Staatlich anerkannte Logopädin (B. Sc.), Muttersprache: Spanisch. Schwerpunkte: Sprachentwicklungsstörungen, Mehrsprachigkeit, myofunktionelle Störungen …
mehr über Nicole Hoyer GarciaRichard Seelig

Staatlich anerkannter Logopäde B. Sc, Dysphagie-Fachtherapeut. Schwerpunkte: neurologische/degenerative Erkrankungen, Stimm- und Aussprachestörungen, MST, AAP …
mehr über Richard SeeligWie wir es feststellen
Am Anfang steht das Zuhören, und zwar länger als die meisten erwarten. Wir brauchen eine Sprachprobe aus dem freien Erzählen, weil Grammatikfehler in Einzelantworten kaum auftauchen. Zehn Minuten Bilderbuch oder eine Geschichte über den letzten Urlaub bringen uns weiter als jeder Fragebogen.
Diese Probe schreiben wir wörtlich mit und werten sie danach aus: Welche Satzstrukturen kommen vor, welche fehlen, wie lang sind die Äußerungen im Schnitt, welche Fehler treten regelmäßig auf und welche nur vereinzelt. Dazu kommen standardisierte Verfahren, mit denen sich das Ergebnis gegen die Altersnorm stellen lässt, und immer eine Prüfung des Verstehens, weil sich Ausdruck und Verständnis unterschiedlich entwickeln können.
Was wir zusätzlich klären, bevor wir mit der Behandlung anfangen: das Gehör. Ein Kind kann Endungen nur lernen, wenn es sie hört, und gerade die unbetonten Silben am Wortende sind die ersten, die bei einem Paukenerguss untergehen. Häufige Mittelohrentzündungen in den ersten Lebensjahren gehören deshalb in die Anamnese.
Wächst Ihr Kind mit mehr als einer Sprache auf, gilt eine eigene Regel: Der Vergleichsmaßstab sind mehrsprachig aufwachsende Kinder, und beurteilt werden beide Sprachen zusammen. Vieles, was nach Dysgrammatismus klingt, ist dann eine normale Erwerbsphase. Mehr dazu steht unter Bilingualität.
Wie eine Behandlung aussieht
Grammatik lässt sich nicht üben wie ein Laut. Ein Kind kann einen Satz hundertmal korrekt nachsprechen und ihn beim Erzählen trotzdem falsch bilden, weil Nachsprechen und Selbstformulieren im Kopf verschiedene Wege nehmen. Deshalb arbeiten wir anders.
Der Kern besteht darin, die Zielstruktur im Spiel so häufig anzubieten, dass sie auffällt. Wenn wir am Verb an zweiter Stelle arbeiten, richten wir das Spiel so ein, dass diese Satzform ständig gebraucht wird, und wir sprechen sie vor, ohne das Kind zum Nachsprechen aufzufordern. Das Kind hört die Regel dutzendfach in einer Situation, in der sie Sinn ergibt. Fachlich heißt dieses Vorgehen Kontextoptimierung.
Dazu kommen Hilfen, die die Regel sichtbar machen. Farben für Wortarten, Symbole für die Satzglieder, Karten, die man in eine Reihenfolge legt: Was im Ohr flüchtig ist, wird auf dem Tisch greifbar. Ein verbreitetes Verfahren, das mit einer eigenen Diagnostik arbeitet, finden Sie unter Syntax-Therapie nach PLAN.
Wie lange das dauert, hängt davon ab, wie viele Strukturen fehlen. Für eine einzelne, etwa die Verbstellung im Hauptsatz, sehen Eltern den Unterschied oft schon im ersten oder zweiten Verordnungsblock. Steht der Dysgrammatismus in einer breiteren Sprachentwicklungsstörung, zieht sich die Behandlung über ein bis zwei Jahre, weil dann auch Wortschatz und Verständnis Zeit brauchen. Was die Krankenkasse trägt und wie die Verordnung zustande kommt, steht unter Heilmittelrichtlinie und Heilmittelkatalog.
Was zu Hause hilft, und was schadet
Die Antwort auf die Frage nach Übungen für zu Hause enttäuscht Eltern regelmäßig, weil sie so wenig nach Übung aussieht.
Bitte lassen Sie Ihr Kind nichts nachsprechen und verbessern Sie es nicht offen. Ein Kind, das für jeden zweiten Satz eine Korrektur bekommt, erzählt weniger, und weniger Erzählen ist bei diesem Bild das Gegenteil von hilfreich. Nehmen Sie den Satz stattdessen auf und geben Sie ihn nebenbei korrekt zurück, gern mit einem zusätzlichen Detail. Kind: „Der Hund hat gebissen den Mann." Erwachsener: „Ja, der Hund hat den Mann gebissen, direkt ins Bein." Diese Technik heißt Corrective Feedback, und sie wirkt, weil das Kind die richtige Form hört, ohne sich ertappt zu fühlen.
Was sich außerdem lohnt, sind Situationen, in denen bestimmte Satzformen von selbst gebraucht werden. Wer ein Rezept vorliest, kommt an Nebensätzen mit „wenn" kaum vorbei. Wer beim Memory erklärt, warum eine Karte umgedreht wird, braucht „weil". Wer im Rollenspiel bestellt, braucht den Akkusativ. Solche Gelegenheiten schlagen jede Arbeitsblattsammlung, und Ihr Kind merkt nichts davon.
Und geben Sie der Sache Zeit im Tagesablauf. Grammatik lernt ein Kind aus dem Sprechen mit Erwachsenen, die zuhören und antworten. Zwanzig Minuten am Tag ohne Bildschirm, in denen wirklich erzählt wird, sind der größte Beitrag, den eine Familie leisten kann.
Und wenn Erwachsene Grammatikfehler machen?
Nach „Dysgrammatismus bei Erwachsenen" wird häufig gesucht, und dahinter stehen zwei ganz verschiedene Situationen.
Die eine betrifft Menschen, deren Sprachentwicklungsstörung aus der Kindheit nie vollständig aufgeholt wurde. Reste davon bleiben bis ins Erwachsenenalter, meist im Bereich komplexer Satzstrukturen und beim Schreiben. Eine Behandlung ist auch dann noch möglich und läuft über dieselben Wege, nur schneller, weil erwachsene Patientinnen und Patienten Regeln bewusst anwenden können.
Die andere betrifft erworbene Störungen und hat mit dem Kinderbild nichts zu tun. Wenn nach einem Schlaganfall die Sätze auf zwei bis drei Wörter zusammenschrumpfen und Endungen wegfallen, heißt das Agrammatismus. Werden Satzteile stattdessen verdoppelt und ineinandergeschoben, spricht man von Paragrammatismus. Beides sind Erscheinungsformen einer Aphasie und gehören in die neurologische Sprachtherapie.
Wer für sich sucht und nach einem Schlaganfall oder einer Hirnverletzung Schwierigkeiten mit dem Satzbau hat, ist unter Aphasie-Therapie richtig und nicht auf dieser Seite.
Beratung und Termin
Ob die Sätze Ihres Kindes zum Alter passen, lässt sich oft schon am Telefon einordnen. Für diese Vorabklärung genügt die 0511 65580773, alternativ die Mailadresse anmeldung@bona-lingua.de. Hilfreich ist, wenn Sie ein paar Sätze mitbringen, die Sie sich notiert haben, oder eine kurze Handyaufnahme vom Erzählen; daraus lesen wir mehr heraus als aus einer Beschreibung.
Die Verordnung stellt die Kinderarztpraxis aus, gern im Rahmen der nächsten U-Untersuchung. Fragen Sie bei der Anmeldung nach mehreren Häusern, denn die Wartezeiten auf einen Nachmittagstermin gehen zwischen unseren Praxen weit auseinander und die Adressen finden Sie unter Ihre Praxen für Logopädie in Hannover.









