Wortfindungsstörung bei Erwachsenen

Das Wort ist da. Sie wissen, welchen Klang es hat, mit welchem Buchstaben es anfängt, in welchem Zusammenhang Sie es zuletzt benutzt haben, und trotzdem kommt es nicht. Wer das häufiger erlebt als früher, googelt irgendwann, und dort steht innerhalb von zwei Klicks das Wort Demenz. Deshalb beginnt diese Seite mit dem, was normal ist, geht dann zu den Erklärungen, die keine Krankheit sind, und benennt am Schluss die Zeichen, bei denen Abwarten falsch wäre. Was Logopädie leisten kann, wenn tatsächlich eine Diagnose dahintersteht, führt die Seite zur Aphasie-Therapie aus.

Wie oft das jedem passiert

Der Zustand hat einen eigenen Namen, und allein das beruhigt viele: Es-liegt-mir-auf-der-Zunge. Untersucht ist er gut, weil er sich im Labor auslösen lässt, und was dabei herauskommt, klingt vertraut. Betroffene wissen die Wortlänge, oft den Anfangsbuchstaben und fast immer, ob das gesuchte Wort zu einer bestimmten Gruppe gehört. Nur der Zugriff fehlt.

Junge Erwachsene erleben das im Schnitt etwa einmal pro Woche, ab der Lebensmitte häufiger, jenseits der siebzig noch häufiger. Bei Kindern sieht dasselbe Bild anders aus und hat andere Gründe, siehe Wortfindungsstörung bei Kindern. Betroffen sind vor allem Namen von Personen und Orten, danach seltene Wörter. Alltagsverben und häufige Begriffe fallen kaum aus.

Wichtiger als die Häufigkeit ist der Ausgang. Kommt das Wort nach ein paar Sekunden, nach einem Umweg über eine Umschreibung oder eine halbe Stunde später beim Kaffee von allein, dann funktioniert der Abruf. Er ist nur langsamer geworden, und das gehört zum Älterwerden wie eine längere Reaktionszeit beim Einparken.

Die eigene Beobachtung verzerrt dabei zuverlässig in eine Richtung: Im Gedächtnis bleiben die Aussetzer, während die Tausende problemlos abgerufenen Wörter keine Spur hinterlassen. Wer erst einmal darauf achtet, findet mehr, als vorher da war. Das ist kein Grund, es nicht ernst zu nehmen, aber ein Grund, die eigene Zählung nicht für eine Messung zu halten.

Die Erklärungen, an die kaum jemand denkt

Bevor jemand an das Gehirn denkt, lohnt der Blick auf die Umstände. Der Wortabruf ist einer der empfindlichsten Vorgänge im Sprachsystem und reagiert auf fast alles, was den Körper aus dem Takt bringt.

  • Wenige Nächte mit gestörtem Schlaf reichen bereits aus, und wer eine unbehandelte Schlafapnoe hat, beschreibt fast immer genau dieses Bild.
  • Unter Dauerbelastung wird die Aufmerksamkeit schmaler, und der Wortabruf braucht Aufmerksamkeit.
  • In den Wechseljahren berichten viele Frauen über Wortfindungsprobleme zusammen mit schwankender Konzentration; das ist ein bekanntes Muster und bildet sich in der Regel zurück.
  • Eine Schilddrüsenfehlfunktion oder ein Mangel an Eisen oder Vitamin B12 kann sich kognitiv bemerkbar machen. So etwas steht auf einem Laborzettel, nicht in einer logopädischen Diagnostik, und gehört deshalb in die hausärztliche Praxis.
  • Dämpfende Medikamente wirken mit, etwa Beruhigungsmittel oder manche Mittel gegen Epilepsie, Allergien und Schmerzen. Bitte sprechen Sie das an, statt eigenmächtig etwas abzusetzen.
  • Bei Migräne mit Aura können vorübergehend Wortfindungsprobleme auftreten, die sich innerhalb einer Stunde zurückbilden.
  • Alkohol wirkt nach, auch noch am Tag danach.
  • Nach einer Covid-Erkrankung sind anhaltende Beschwerden dieser Art häufig genug beschrieben, um danach zu fragen.

Diese Liste ist keine Diagnose und ersetzt keine ärztliche Abklärung. Sie steht hier, weil bei einem großen Teil der Menschen, die uns deswegen anrufen, am Ende genau so etwas dahintersteckt und nicht das, was sie nachts befürchtet haben.

Wann Abwarten falsch ist

Es gibt Konstellationen, bei denen die Zeit zählt. Die erste davon ist ein Notfall.

Setzen Sprachprobleme innerhalb von Minuten ein, besonders zusammen mit einem hängenden Mundwinkel, einem kraftlosen Arm, Sehstörungen oder Verwirrtheit, dann rufen Sie den Notruf 112. Das gilt auch dann, wenn alles nach zehn Minuten wieder in Ordnung ist. Eine vorübergehende Durchblutungsstörung ist ein Warnzeichen und wird in der Klinik abgeklärt, nicht zu Hause abgewartet. Was ein Schlaganfall für die Sprache bedeutet, steht unter Was ist eine Aphasie?.

Jenseits des Notfalls gibt es Zeichen, die für einen Termin bei der Neurologie sprechen, und zwar in den nächsten Wochen statt irgendwann:

  • Es wird über Monate hinweg stetig schlechter, ohne Schwankung nach oben.
  • Es hat die seltenen Wörter verlassen und greift auf Alltagsbegriffe über, auf Gegenstände im eigenen Haushalt oder die Namen naher Angehöriger.
  • Statt einer Lücke kommt ein falsches Wort heraus, „Gabel" für Löffel oder ein Wort, das es nicht gibt. Solche Verwechslungen laufen im Fach unter Paraphasien.
  • Andere merken es deutlicher als Sie selbst.
  • Das Verstehen leidet mit, Sie müssen in Gesprächen häufiger nachfragen.
  • Es kommen andere Dinge dazu: Schreiben, Rechnen, Orientierung, Gangbild.
  • Es begann nach einem Sturz auf den Kopf.

Wir sagen das im Erstgespräch offen: Diese Abklärung können wir nicht ersetzen. Eine logopädische Diagnostik beschreibt sehr genau, wie der Wortabruf arbeitet, sie sagt aber nicht, was ihn stört. Dafür braucht es Bildgebung und Labor.

Wer bei uns mit Erwachsenen an der Wortfindung arbeitet

Wortfindung gehört in den neurologischen Schwerpunkt, also zu denselben Kolleginnen und Kollegen, die Aphasien behandeln. Ihre Namen folgen gleich; wo jemand sitzt und was die Person gelernt hat, öffnet sich beim Anklicken. Ohne Befund anzurufen ist dabei kein Hindernis, viele kommen genau so zu uns. Als reine Fachübersicht gibt es dieselbe Auswahl unter Therapeutinnen und Therapeuten im Bereich Aphasie.

Die Frage, die alle stellen

Sie kommt in fast jedem Erstgespräch, meistens am Ende und leiser als der Rest: Ist das der Anfang von Demenz?

Redlich beantworten lässt sie sich nur in beide Richtungen. Wortfindungsprobleme allein sind kein Hinweis darauf. Sie sind das häufigste sprachliche Alltagsphänomen überhaupt und in den allermeisten Fällen harmlos. Umgekehrt gilt aber auch: Sprache verändert sich bei Demenzerkrankungen früh, und dazu gehört der Wortabruf.

Auseinanderhalten lässt sich das nicht am einzelnen Aussetzer, sondern am Muster drumherum. Bei einer harmlosen Ursache bleibt das Gedächtnis für Ereignisse in Ordnung, Sie finden sich zurecht, Sie erledigen Ihre Angelegenheiten wie immer, und das Wort kommt später von allein. Wenn dagegen neue Informationen nicht mehr haften, wenn Termine und Gespräche verlorengehen, wenn vertraute Wege unsicher werden oder die Alltagsorganisation nachlässt, dann geht es um mehr als um Wörter, und der Weg führt zur ärztlichen Abklärung.

Ein Sonderfall verdient eine eigene Erwähnung, weil er sonst spät erkannt wird. Es gibt Erkrankungen, bei denen die Sprache über Jahre allein betroffen ist, während Gedächtnis und Alltag zunächst stabil bleiben. Beginn ist häufig zwischen fünfzig und siebzig, und das erste Zeichen ist genau das: Wörter fehlen, Sätze werden kürzer, die Namen von Dingen verschwinden. Wer über Jahre eine langsam zunehmende Verschlechterung bei sonst unauffälligem Alltag bemerkt, sollte das ansprechen, statt es auf das Alter zu schieben.

Was Logopädie bei Demenzerkrankungen tut, ist ausführlich beschrieben unter Die logopädische Therapie von Alzheimer; die Störungsbilder im Überblick stehen unter Demenzerkrankungen.

Was ein Test tatsächlich prüft

Nach „Wortfindungsstörung Test" wird viel gesucht, und die Vorstellung dahinter stimmt selten mit dem überein, was wir machen. Es gibt keinen Selbsttest, der eine Ursache benennt. Was es gibt, sind Verfahren, die den Abruf so genau beschreiben, dass daraus eine Behandlung wird.

Wir lassen benennen, meist anhand von Bildern, und achten dabei weniger auf richtig und falsch als auf die Art des Fehlers. Kommt ein Wort aus derselben Bedeutungsgruppe heraus, also Birne für Apfel, liegt es an der Bedeutungsebene. Kommt etwas klanglich Ähnliches, also Tisch für Tasche, liegt es am Klangzugriff. Diese Unterscheidung entscheidet über die Hilfen, mit denen anschließend gearbeitet wird.

Dazu kommt die Frage, ob ein Hinweis hilft. Wenn der Anfangslaut oder ein Satzanfang das Wort herausholt, ist der Eintrag vorhanden und nur schwer erreichbar; das ist die günstigste Ausgangslage. Bringt auch der Hinweis nichts, sieht das anders aus.

Und wir hören zu, wie Sie erzählen. In der Spontansprache zeigt sich mehr als in jedem Bildbenennen: Wie lang sind die Sätze, wie oft brechen sie ab, wie umschreiben Sie, wie viele Leerformeln kommen vor. Ein standardisiertes Verfahren aus der Aphasiediagnostik ergänzt das, wenn ein neurologischer Befund vorliegt, siehe Aachener Aphasie Test.

Was sich üben lässt

Wortabruf ist trainierbar, und das ist gut belegt. Die Erwartung sollte allerdings auf den richtigen Punkt zielen: Geübt wird der Weg zu den Wörtern, nicht ein Vorrat an Wörtern selbst.

Ein Teil der Arbeit besteht aus Strategien, die Sie im Gespräch anwenden. Umschreiben statt anhalten, den Oberbegriff nehmen, mit einer Geste weitermachen, das Wort später zurückholen. Das klingt banal und verändert den Alltag im Gespräch mehr als das Auswendiglernen von Wortlisten, weil es die Angst vor der Lücke wegnimmt.

Der andere Teil ist gezieltes Abrufen. Dabei arbeiten wir mit einem begrenzten Wortschatz, der zu Ihrem Leben gehört: Namen aus der Familie, Begriffe aus dem Beruf, Dinge aus der Küche, das Vokabular Ihres Hobbys. Ein kleiner Satz von Begriffen, oft wiederholt, bringt dabei mehr Ertrag als ein weites Feld, das nur einmal durchlaufen wird. Die Hilfen richten sich nach dem Ergebnis der Diagnostik, also entweder über die Bedeutung oder über den Klang.

Zwischen den Terminen läuft eine Aufgabe mit, die nichts kostet: Führen Sie eine Woche lang eine kurze Liste, welche Wörter fehlten und in welcher Situation. Diese Liste ist das beste Material für die nächste Stunde, und sie zeigt oft, dass die Lücken sich um bestimmte Themen gruppieren.

Steht ein neurologischer Befund dahinter, gelten die Regeln der Aphasietherapie, samt Verordnung durch die neurologische oder hausärztliche Praxis. Wie Sie an eine solche Verordnung kommen, beschreibt der entsprechende Abschnitt auf der Aphasie-Seite; die leichteste Form, bei der Wortfindung das Hauptmerkmal ist, heißt Amnestische Aphasie.

Beratung und Termin

Zwanzig Minuten am Telefon reichen meistens, um einzuordnen, ob eine logopädische Diagnostik sinnvoll ist oder ob der erste Weg in eine Arztpraxis führt; die Nummer dafür ist 0511 65580773, und geschrieben werden darf ebenso gut an anmeldung@bona-lingua.de.

Legen Sie sich für den Anruf zurecht, seit wann es Ihnen auffällt und ob es gleichmäßig schlechter wird oder von Tag zu Tag schwankt. Der Unterschied zwischen diesen beiden Verläufen trägt in der Einschätzung weiter als die Schilderung einzelner Aussetzer. Falls Sie schon einen neurologischen Befund haben, bringen Sie ihn mit; wenn nicht, klären wir im Gespräch, wo Sie ihn bekommen. Termine für Erwachsene liegen bei uns meist am Vormittag oder am späten Nachmittag, und da die freien Zeiten je nach Haus weit auseinandergehen, lohnt die Anfrage für mehrere unserer Praxen, deren Adressen unter Ihre Praxen für Logopädie in Hannover stehen.

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