Selektiver Mutismus
Zu Hause erzählt Ihr Kind ohne Pause. In der Kita sagt es seit Monaten kein Wort, und die Erzieherin hat noch nie seine Stimme gehört. So fangen die Gespräche bei uns an, und diese Beschreibung trifft selektiven Mutismus genauer als jede Definition. Was danach zählt, ist selten die Diagnose. Es sind die Absprachen mit der Kita, der Nachteilsausgleich in der Schule und das, was Sie zu Hause besser lassen. Bei Erwachsenen, bei denen als Kind niemand eingegriffen hat, sind es das Telefon und die Besprechung. Definition, Ursachen und die vollständige Diagnostik stehen auf unserer Seite zu Mutismus bei Kindern.
Woran Sie selektiven Mutismus erkennen
Das Muster ist auffällig gleichförmig, und daran erkennt man es. Ein Kind spricht in immer denselben Situationen und mit immer denselben Menschen. Überall sonst kommt kein Wort. Auch kein leises.
Die Grenze läuft dabei nicht am Vertrauen, sondern an der Situation. Viele Kinder sprechen mit den Eltern zu Hause frei und verstummen mit denselben Eltern auf dem Spielplatz, sobald jemand zuhören könnte. Manche sprechen mit einem Geschwisterkind in der Kita, aber nie mit einer erwachsenen Person.
Wir fragen im Erstgespräch deshalb nie pauschal, ob ein Kind spricht. Wir gehen den Tag durch: Frühstück, Weg zur Kita, Garderobe, Gruppenraum, Mittagessen, Abholen, Spielplatz. Meistens zeigt sich dabei eine klare Linie, die den Eltern selbst vorher so nicht aufgefallen war.
Die Körperhaltung dazu beschreiben Eltern fast wortgleich: eingefroren, den Blick zur Seite. Bei manchen Kindern blockiert diese Anspannung auch das Nicken. Ein Kind, das den Kopf nicht bewegt, wirkt abweisend und steckt in Wirklichkeit fest; in der Gruppe wird daraus schnell Trotz gelesen.
Für die Diagnose zählt eine Zeitmarke. Das Schweigen muss länger als vier Wochen anhalten, und die ersten Wochen nach einem Kita- oder Schulwechsel zählen nicht mit, weil dort viele Kinder vorübergehend still sind. Alles Weitere zur Diagnostik, von der HNO-ärztlichen Untersuchung bis zum Mutismus-Test, steht auf der Elternseite zum Mutismus. Den Begriff selbst erklärt Mutismus im Lexikon. Schweigt ein Kind auch zu Hause, passt diese Beschreibung nicht mehr, und es geht um eine andere Form: Mutismus und seine Formen.
Häufig ist es nicht. Nach den vorliegenden Zahlen ist weniger als ein Prozent der Kinder betroffen, Mädchen etwas öfter als Jungen. In einer Kitagruppe fällt das damit selten auf, und in vielen Teams hat vorher noch niemand ein solches Kind erlebt. Das ist einer der Gründe, warum es so lange dauert, bis jemand den Namen dafür nennt.
Schüchtern, stur oder eine Angststörung?
„Sie ist eben schüchtern, das wächst sich aus.“ Diesen Satz haben die meisten Eltern schon mehrfach gehört, bevor sie bei uns anrufen. Ein schüchternes Kind braucht länger, bis es warm wird, und spricht dann. Ein mutistisches Kind bleibt auch nach Monaten in derselben Gruppe stumm.
Schlimmer ist die Unterstellung, das Kind könne ja, wenn es nur wollte. Fachlich zählen DSM-5 und die neue ICD-11 den selektiven Mutismus zu den Angststörungen, und das deckt sich mit dem, was Betroffene später erzählen. Sie wollen antworten, und im Moment der Ansprache geht nichts. Wer darauf mit Nachdruck und Konsequenzen reagiert, erhöht den Druck auf ein Kind, das ohnehin schon unter Druck steht.
Vom Autismus unterscheidet sich das deutlich, auch wenn beides von außen ähnlich still aussehen kann. Mutistische Kinder suchen Kontakt, oft sehr aktiv, nur ohne Worte: Sie zeigen, ziehen an der Hand, bringen Dinge. Die ausführliche Abgrenzung steht auf der Elternseite. Wo sie im Einzelfall unklar bleibt, klären wir das im Befund mit ab.
Warum Abwarten hier teuer wird
Bei den meisten Sprachauffälligkeiten ist Abwarten eine vertretbare Option. Hier ist es die schlechteste.
Schweigen ist nämlich ein Verhalten, das sich selbst stabilisiert. Es funktioniert: Die Anspannung sinkt sofort, wenn nichts gesagt werden muss, und die Umgebung stellt nach einigen Wochen die Fragen ein. Damit wird das Schweigen für alle Beteiligten zur Normalität, und aus dieser Normalität kommt ein Kind mit jedem Monat schwerer heraus. Gleichzeitig übernehmen andere die Rolle des Sprechers, meistens Geschwister oder Eltern.
Beginnt das Schweigen mit dem Kita- oder Schuleintritt, löst sich ein Teil der Fälle in den ersten Monaten von allein. Hält es länger als etwa ein halbes Jahr in derselben Umgebung an, geschieht das kaum noch. Ab dann raten wir in jedem Fall zu einer Therapie.
Was es kostet, wenn nichts passiert, sehen wir an den Erwachsenen in unserer Sprechstunde. Mündliche Noten, die nicht zustande kommen. Klassenwiederholungen ohne fachlichen Grund. Ausgelassene Kindergeburtstage, später ausgelassene Bewerbungen. Einige erzählen von einem Schulweg, auf dem sie zwölf Jahre lang kein Wort gesagt haben.
Was Eltern tun und besser lassen
Eltern erwarten von uns eine Liste mit Übungen für zu Hause. Was wir stattdessen mitgeben, ist kürzer und fällt schwerer: den Druck vom Sprechen nehmen und das Thema aus dem Gespräch mit dem Kind heraushalten.
„Warum sagst du denn nichts?“ Diese Frage rutscht irgendwann jedem Elternteil heraus, und sie führt nirgendwohin. Ihr Kind kennt die Antwort selbst nicht, und die Frage macht das Sprechen zu einer Aufgabe, an der es scheitern kann. Belohnungen für einzelne Wörter gehen aus demselben Grund meistens nach hinten los: Sie erzeugen genau die Aufmerksamkeit, die die Blockade auslöst.
Wenn Sie erklären müssen, warum Ihr Kind nichts sagt, dann bitte vorher und unter vier Augen. Solche Sätze fallen sonst im Wartezimmer, an der Kita-Tür und beim Elternabend, während das Kind daneben steht und zuhört, wie seine Rolle beschrieben wird. Genau aus dieser Rolle soll es heraus.
Bleibt eine Frage an Ihr Kind unbeantwortet, wird die Pause schnell peinlich. Die Verkäuferin schaut, die Nachbarin wiederholt die Frage lauter, und Sie wollen helfen. Halten Sie die Pause trotzdem aus. Geben Sie Ihrem Kind eine nichtsprachliche Möglichkeit zu antworten, und übersetzen Sie nur, wenn es Ihnen die Antwort selbst zeigt.
Aufbauen lässt sich dagegen etwas: Situationen, in denen gesprochen wird, ohne dass jemand zuhört. Vorlesen im Wechsel, Hörspiele nachsprechen, Sprachnachrichten an die Oma, Singen im Auto. Sprechen darf beiläufig bleiben und soll nie nach Übung aussehen.
Hat Ihr Kind zusätzlich sprachliche Auffälligkeiten, etwa eine Sprachentwicklungsstörung oder eine unklare Aussprache, gehört das mit in den Befund. Beides kommt zusammen häufiger vor als zufällig, und ein Kind, das unsicher spricht, schweigt leichter.
Kita und Schule: was wirklich hilft
Ohne die Einrichtung geht es nicht. Das Schweigen findet dort statt, also muss die Therapie dort ankommen, und dafür brauchen Erzieherinnen und Lehrkräfte konkrete Absprachen statt guter Absichten.
Der größere Teil dieser Absprachen besteht aus Dingen, die aufhören. Keine Aufforderungen zum Sprechen vor der Gruppe, auch nicht freundlich verpackt. Kein Namensaufruf, wenn die Anwesenheit erfasst wird; Karten oder Handzeichen erledigen das genauso zuverlässig, ohne dass jemand in der Gruppe etwas bemerkt. Und Fragen so gestellt, dass ein Zeigen, ein Nicken oder ein Kopfschütteln als Antwort gilt und die Stunde weiterläuft.
Eine feste Bezugsperson braucht es trotzdem: eine Erzieherin oder eine Lehrkraft, mit der das Kind in Ruhe und ohne Publikum üben kann, oft in einem Nebenraum. Wer das übernimmt, entscheidet die Einrichtung selbst. Was in dieser Viertelstunde passieren soll, besprechen wir vorher mit ihr.
Eine Absprache geht häufiger schief als alle anderen. Wenn das erste Wort kommt, passiert nichts. Kein Applaus, kein „na endlich“, kein Blick zur Kollegin. Weiterspielen, als wäre nichts gewesen.
Spätestens in der Schule geht es um Noten. Mündliche Leistungen lassen sich über einen Nachteilsausgleich ersetzen, etwa durch schriftliche Ausarbeitungen, aufgezeichnete Beiträge oder eine Prüfung im Einzelsetting. Grundlage sind die niedersächsischen Erlasse zum Nachteilsausgleich, und die Schule braucht dafür einen Nachweis. Ein Bericht von uns gehört meistens dazu, und wir schreiben ihn. Fragen Sie früh danach, am besten lange vor der Zeugniskonferenz.
Zeitkritisch wird es vor der Einschulung. Ein Kind, das im letzten Kita-Jahr schweigt, startet in der Schule in einer Gruppe von dreißig Fremden. Wer vorher anfängt, hat die Chance, mit ein paar tragfähigen Sprechsituationen dort anzukommen.
Therapeutinnen und Therapeuten für selektiven Mutismus
Mutismus ist ein Schwerpunkt, den nicht jede logopädische Praxis anbietet, weil er Erfahrung mit Angst und mit Arbeit außerhalb des Therapieraums verlangt. Diese Kolleginnen und Kollegen behandeln Mutismus. Wo jemand arbeitet und welche Ausbildung dahintersteht, steht im jeweiligen Profil. Eine reine Namensliste finden Sie unter Mutismus-Therapeuten, das allgemeine Archiv unter Mutismus.
Saya Ritze

Staatlich anerkannte Logopädin. Schwerpunkte: Kindersprache, Stimmtherapie
mehr über Saya RitzeSofie Lebek

Staatlich anerkannte Logopädin. Schwerpunkte: Kindersprache, Neurologie, Stimme
mehr über Sofie LebekFreyja Meißler

Staatlich anerkannte Logopädin. Schwerpunkte: Kindersprache, Kinder mit Behinderungen
mehr über Freyja MeißlerCarina Lehnert

Staatlich anerkannte Logopädin. Schwerpunkte: Kindersprache, Neurologie, Stimmtherapie
mehr über Carina LehnertLea Voss

Atem-, Sprech- und Stimmlehrerin. Schwerpunkte: Sprachentwicklungsstörungen bei einsprachig und mehrsprachig aufwachsenden Kindern, myofunktionelle Störungen …
mehr über Lea VossMilena Hagemann-Gomm

Staatlich anerkannte Logopädin (B.Sc.). Schwerpunkte: Sprachentwicklungs-, Stimm- und Redeflussstörungen, myofunktionellen Störungen & selektiven Mutismus …
mehr über Milena Hagemann-GommSophia-Carolin Reinert

Staatlich anerkannte Logopädin (B. Sc.). Schwerpunkte: Kindersprache, neurologische Störungsbilder, Stimmstörungen …
mehr über Sophia-Carolin ReinertVanessa Gensch

Staatlich anerkannte Logopädin. Schwerpunkte: Sprachentwicklungsstörungen, Dysphonie, neurogene Sprach- und Sprechstörungen …
mehr über Vanessa GenschMarie Schütte

Staatlich anerkannte Logopädin. Schwerpunkte: Sprachentwicklungsstörungen, Stimmstörungen, neurologische Krankheitsbilder …
mehr über Marie SchütteWie die Therapie abläuft
Wir fangen nicht mit Sprechen an. Solange die Anspannung hoch ist, produziert jede Sprechaufgabe nur eine weitere Erfahrung des Scheiterns, und davon hat das Kind schon genug gesammelt.
Die ersten Termine laufen deshalb ohne Sprechauftrag und mit einem Elternteil im Raum. Wir spielen, das Kind muss nichts sagen, und wir sehen dabei zu, wie es ohne Worte kommuniziert und wo genau seine Grenze verläuft.
Von dort arbeiten wir in kleinen Stufen. Geräusche im Spiel, dann Laute, dann geflüsterte Wörter, dann leise Wörter, dann Sätze. Sobald das mit uns steht, verändern wir jeweils eine Bedingung: eine andere Person im Raum, ein anderer Raum, mehr Abstand, mehr Publikum. Immer nur eine Sache ist neu. Wer zwei Bedingungen gleichzeitig ändert, verliert die Stufe wieder.
Irgendwann verlässt die Therapie die Praxis. Wir gehen in die Kita oder in die Schule, üben dort mit dem Kind und einer Bezugsperson und ziehen uns dann zurück. Ob das Sprechen im Alltag ankommt, entscheidet sich dort. Bei weiten Wegen machen wir es als Hausbesuch.
Methodisch arbeiten wir angelehnt an die etablierten Mutismus-Konzepte, kombinieren sie aber je nach Kind; welche das sind, steht auf der Elternseite. Wo eine Angststörung im Vordergrund steht oder die Familie stark belastet ist, holen wir Psychotherapie dazu, und bei einem Teil der Kinder läuft beides parallel. Wir sagen offen, wenn wir denken, dass die Sprachtherapie allein nicht reicht.
Wie lange dauert es?
Eine Zahl können wir Ihnen nicht nennen, ohne zu raten. Bei jüngeren Kindern, die erst seit wenigen Monaten schweigen, sehen wir häufig innerhalb eines halben Jahres tragfähige Sprechsituationen. Sind Kinder seit Jahren stumm, dauert es entsprechend länger; dort rechnen wir eher in Schuljahren als in Verordnungen.
Verordnet werden zunächst meist zehn Einheiten. Für den Anfang reicht das, für die ganze Behandlung fast nie. Wir sagen das in der ersten Stunde, damit nach zehn Terminen niemand mit dem Gefühl dasteht, es habe nicht funktioniert.
Am stärksten hängt der Verlauf daran, wie lange das Schweigen schon läuft, wie viele Menschen im Umfeld mitziehen und ob es gelingt, den Alltag von Sprechaufforderungen freizuhalten. Das Erste lässt sich nicht mehr ändern. Die beiden anderen schon.
Selektiver Mutismus bei Erwachsenen
Selektiver Mutismus verschwindet nicht zuverlässig mit dem Erwachsenwerden. Er verändert nur die Form. Wer als Kind in der Schule geschwiegen hat, spricht als Erwachsener oft mit der Familie normal und verstummt am Telefon, in Besprechungen, bei Behörden, im Bewerbungsgespräch. Manche haben sich einen Alltag gebaut, in dem das kaum auffällt, und stoßen erst bei einem Jobwechsel an die Grenze.
Das Prinzip bleibt bei Erwachsenen dasselbe, nur ohne Spielzeug. Wir nehmen Situationen aus Ihrem Alltag, zerlegen sie in Stufen und gehen sie durch, erst bei uns und dann draußen: ein Anruf, eine Frage an der Kasse, ein Beitrag in einer Besprechung mit vier Leuten. Atmung und Stimme üben wir mit, weil viele Betroffene bei Anspannung sehr leise und sehr hoch sprechen, siehe Stimm- und Sprechtraining.
Eine begleitende Psychotherapie ist hier häufiger sinnvoll als bei Kindern, weil Vermeidung über Jahrzehnte gewachsen ist und weit über das Sprechen hinausgeht. Wenn zusätzlich eine ausgeprägte Sprechangst besteht, ist Logophobie der Begriff, unter dem Sie das wiederfinden.
Termin und erstes Gespräch
Das erste Gespräch führen wir gern ohne das Kind. Sie können am Telefon oder im Termin frei erzählen, und Ihr Kind muss nicht dabeisitzen, während über sein Schweigen gesprochen wird. Für diesen ersten Kontakt erreichen Sie uns unter 0511 65580773, eine Mail an anmeldung@bona-lingua.de geht genauso.
Die Verordnung bekommen Sie in der Kinderarztpraxis, bei Erwachsenen über die Hausarztpraxis oder eine neurologische Praxis. Ob am nächstgelegenen Standort ein Platz frei ist, klären wir im Gespräch gleich mit; unsere sieben Adressen in Hannover und der Region stehen unter Ihre Praxen für Logopädie in Hannover.
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