Mutismus

Mutismus ist ein Sammelbegriff, und dahinter stecken Bilder, die wenig miteinander zu tun haben. Wer nach dem Kind sucht, das zu Hause redet und in der Kita schweigt, ist auf Selektiver Mutismus besser aufgehoben; dort steht alles zu Erkennen, Therapie, Kita und Schule. Diese Seite beantwortet die Fragen daneben: Welche Formen es gibt, warum der akinetische Mutismus in eine ganz andere Fachrichtung gehört, und wann Schweigen überhaupt kein Mutismus ist. Gerade um die letzte Frage geht es in unseren Erstgesprächen am häufigsten.

Die Formen sind keine Schweregrade

Der Name führt in die Irre, weil er nach einer Steigerung klingt: ein bisschen stumm, ganz stumm, komplett stumm. So verhält es sich nicht. Selektiver, totaler und akinetischer Mutismus haben verschiedene Ursachen, verschiedene Verläufe und verschiedene Zuständigkeiten.

Beim selektiven Mutismus spricht jemand in bestimmten Situationen frei und in anderen gar nicht. Die Fähigkeit ist da, die Angst blockiert sie. Das ist mit Abstand die häufigste Form und die, mit der wir in der Praxis überwiegend zu tun haben.

Der totale Mutismus kennt diese Ausnahmen nicht. Das Sprechen fällt überall aus, auch zu Hause und auch gegenüber den engsten Bezugspersonen.

Der akinetische Mutismus schließlich ist gar keine Sprachstörung im engeren Sinn, sondern die Folge einer schweren Hirnschädigung. Wer diesen Begriff in einem Arztbrief liest, hat es mit einer anderen Behandlungssituation zu tun als die beiden anderen Gruppen.

Was sie verbindet, ist die Voraussetzung für die Diagnose: Die Sprache muss vorher vorhanden gewesen sein und die Sprechorgane müssen funktionieren. Ein Kind, das noch nie gesprochen hat, hat keinen Mutismus. Die Grundlagen dazu stehen auf unserer Elternseite zum Mutismus, die Kurzfassung des Begriffs im Lexikon.

Totaler Mutismus

Hier schweigt jemand vollständig. Betroffen sind oft auch Lautäußerungen wie Lachen, Räuspern oder Husten, und selbst mit den eigenen Eltern kommt kein Wort.

Bei Kindern ist das selten und meistens nicht der Anfangszustand. Wir sehen es vor allem als Verlauf: Ein selektives Schweigen weitet sich über Jahre aus, weil der Kreis der Menschen, mit denen gesprochen wird, immer kleiner wird. Genau dieser Verlauf ist der Grund, warum wir bei einem Kind, das seit Monaten in der Kita schweigt, so ungern abwarten.

Der andere Weg dorthin ist ein einschneidendes Erlebnis. Nach Gewalterfahrungen, Unfällen oder einem plötzlichen Verlust verstummen manche Menschen von einem Tag auf den anderen. Dann steht die Behandlung des Erlebten an erster Stelle, und die Sprachtherapie kommt begleitend dazu, nicht umgekehrt. Wir sagen das im Erstgespräch offen, wenn wir den Eindruck haben, dass die Reihenfolge falsch herum geplant ist.

Ein plötzliches Verstummen ohne erkennbaren Anlass gehört ärztlich abgeklärt, bevor irgendjemand von Mutismus spricht. Was dabei geprüft wird, steht unter Stummheit.

Akinetischer Mutismus: nicht unser Fachgebiet

Diese Form nehmen wir hier auf, weil sie in den Suchergebnissen neben den anderen steht und dabei etwas völlig anderes bezeichnet.

Der akinetische Mutismus tritt nach schweren Schädigungen im Gehirn auf, etwa nach Blutungen, Sauerstoffmangel oder Tumoren in bestimmten Regionen des Stirnhirns. Die Betroffenen sind wach, die Augen sind offen und folgen manchmal sogar Bewegungen, aber es kommt weder Sprache noch spontane Bewegung. Der Antrieb selbst ist ausgefallen, nicht die Sprache.

Behandelt wird das in der neurologischen Klinik und in der Frührehabilitation, im Team mit Neurologie, Pflege, Physio- und Ergotherapie. Eine ambulante logopädische Praxis ist dafür nicht der richtige Ort. Wenn Angehörige uns in dieser Situation anrufen, sagen wir das und helfen bei der Suche nach der passenden Einrichtung weiter, statt einen Termin zu vergeben.

Wenn Schweigen etwas anderes bedeutet

Ein erheblicher Teil unserer Erstgespräche endet damit, dass es kein Mutismus ist. Dabei wiederholen sich die Verwechslungen.

Am häufigsten hat ein Kind schlicht noch nicht zu sprechen begonnen. Bleiben die ersten Wörter aus, geht es um eine verzögerte Sprachentwicklung; für die Diagnose Mutismus müsste die Sprache vorher da gewesen sein. Passende Anlaufstellen sind Late Talker und Sprachentwicklungsstörung.

Dann gibt es die Kinder, die nicht gut genug hören. Eine unentdeckte Schwerhörigkeit oder ein länger bestehender Paukenerguss führt dazu, dass ein Kind in der Gruppe wenig sagt und in der ruhigen Wohnung viel. Von außen sieht das dem selektiven Muster täuschend ähnlich. Ein Hörtest steht bei uns deshalb immer am Anfang.

Wer gerade eine zweite Sprache lernt, schweigt ebenfalls oft. Kinder, die neu in eine deutschsprachige Umgebung kommen, durchlaufen häufig eine stille Phase von einigen Wochen bis Monaten: Sie hören zu und sagen nichts, und das ist ein normaler Schritt im Zweitspracherwerb. Aufhorchen sollte man erst, wenn ein Kind auch in seiner Erstsprache und auch außerhalb der Familie schweigt. Mehr dazu unter Bilingualität.

Bei Erwachsenen nach einem Schlaganfall ist Schweigen fast nie Mutismus. Betroffen sind dann Sprachverarbeitung oder Ansteuerung, also Aphasie oder Sprechapraxie. Für Angehörige fühlt sich beides an wie Nichtsprechenwollen, und genau das ist es nicht.

Bleibt die Abgrenzung zum Autismus, die uns am häufigsten gestellt wird. Kurz gefasst: Beim Mutismus hängt das Sprechen an der Situation und am Gegenüber, beim Autismus nicht. Womit sich die logopädische Arbeit im Spektrum stattdessen beschäftigt, steht unter Autismus bei Kindern. Ausführlich steht das auf der Elternseite und im Abschnitt zur Einordnung als Angststörung. Beides kann übrigens zusammen auftreten, und dann brauchen beide Seiten eine eigene Antwort.

Wen Sie bei uns dazu ansprechen

Mutismus verlangt Erfahrung mit Angst und die Bereitschaft, außerhalb des Therapieraums zu arbeiten, in der Kita, in der Schule, manchmal im Supermarkt. Nicht jede logopädische Praxis bietet das an, und bei uns auch nicht jede Kollegin. Wer es tut, steht mit Standort und Ausbildung im jeweiligen Profil; die reine Namensliste finden Sie unter Mutismus-Therapeuten. Geht es Ihnen um die Abgrenzung zu einem anderen Störungsbild, ist oft die Fachrichtung dieses Bildes der bessere erste Ansprechpartner, etwa unter Therapeuten für Sprachentwicklungsstörungen.

Mutismus im Erwachsenenalter

Wer als Kind in der Schule geschwiegen hat und nie behandelt wurde, spricht als Erwachsener oft im Privaten normal und verstummt am Telefon, im Bewerbungsgespräch oder in der Besprechung. Das bleibt selektiver Mutismus, auch mit vierzig. Wie eine Behandlung dann abläuft, steht im Abschnitt Selektiver Mutismus bei Erwachsenen.

Anders liegt der Fall, wenn das Schweigen erst spät einsetzt. Jemand, der immer gesprochen hat, verstummt nach einem belastenden Ereignis oder im Rahmen einer psychischen Erkrankung, häufig zusammen mit Rückzug und gedrückter Stimmung. Dann ist die psychiatrische oder psychotherapeutische Abklärung der erste Schritt, und unsere Rolle ist die begleitende: Wir arbeiten an Stimme, Atmung und an konkreten Sprechsituationen, sobald die Behandlung dort läuft. Was dabei passiert, überschneidet sich mit dem Stimm- und Sprechtraining.

Besteht zusätzlich eine ausgeprägte Angst vor dem Sprechen selbst, finden Sie das Thema unter Logophobie wieder.

Ist Mutismus eine Behinderung?

Eine Diagnose allein ist noch keine Behinderung, und Mutismus hat auch keinen festen Punktwert in einer Tabelle. Beurteilt wird, wie stark jemand dadurch am Alltag gehindert wird: an Schule, Ausbildung, Beruf und am Kontakt zu anderen Menschen. Bei einem ausgeprägten und länger bestehenden Bild kann daraus ein Grad der Behinderung folgen, bei einem leichten in der Regel nicht.

Der Antrag läuft über das zuständige Versorgungsamt, in Niedersachsen über das Landesamt für Soziales, Jugend und Familie. Beigelegt werden Befunde aus allen beteiligten Fachrichtungen, und ein sprachtherapeutischer Bericht gehört dazu. Wir schreiben ihn, wenn Sie ihn brauchen; sagen Sie uns rechtzeitig Bescheid, weil er mehr Zeit kostet als eine normale Verlaufsdokumentation.

Davon zu trennen sind Hilfen, für die es keinen Ausweis braucht. Nachteilsausgleich in der Schule, Schulbegleitung oder Unterstützung über die Eingliederungshilfe hängen am festgestellten Bedarf und nicht an einem Grad der Behinderung. Was in der Schule konkret möglich ist, steht auf der Hauptseite unter Kita und Schule.

Wer die Diagnose stellt

Die Reihenfolge ist wichtiger, als sie aussieht, weil sonst Monate mit Wartezeiten vergehen, die nichts bringen.

Zuerst wird ausgeschlossen, was körperlich erklärbar wäre. Dazu gehören eine HNO-ärztliche Untersuchung mit Hörprüfung und, je nach Bild, eine neurologische Abklärung. Erst danach ist die Frage nach Mutismus überhaupt sinnvoll zu stellen.

Die Diagnose selbst stellen ärztliche oder psychologische Fachpraxen, bei Kindern meist die Kinder- und Jugendpsychiatrie oder die Kinderarztpraxis. Die Verordnung für die Sprachtherapie bekommen Sie ebenfalls dort. Unser Teil ist die sprachtherapeutische Diagnostik, also die Frage, in welchen Situationen mit wem gesprochen wird und was sprachlich sonst noch vorliegt. Häufig finden wir dabei eine zweite Baustelle, meistens im Bereich Aussprache oder Wortschatz, und die gehört mit in den Bericht.

Sie brauchen für ein erstes Gespräch mit uns weder Diagnose noch Rezept. Viele Familien rufen an, während sie noch auf einen Termin in der Fachpraxis warten, und das ist der richtige Zeitpunkt.

So erreichen Sie uns

Für den ersten Kontakt genügt ein Anruf unter 0511 65580773. Wenn Ihnen Schreiben leichter fällt, und bei diesem Thema ist das häufiger der Fall als sonst, nehmen Sie anmeldung@bona-lingua.de. Schildern Sie dabei bitte, mit wem und in welchen Situationen gesprochen wird und seit wann das so ist. Aus diesen beiden Angaben lässt sich meistens schon sagen, ob es sich überhaupt um ein Bild für uns handelt und wie eilig es ist. Geht es um Ihr Kind, führen wir dieses erste Gespräch lieber ohne das Kind.

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