Autismus bei Kindern

Die meisten Familien kommen mit einer von zwei Fragen zu uns: Mein Kind spricht nicht, und niemand kann mir sagen, warum. Oder: Die Diagnose steht seit Kurzem, und jetzt sollen wir zur Logopädie, aber wozu eigentlich. Auf dieser Seite steht, was die logopädische Therapie bei autistischen Kindern leistet und was nicht, wann Kinder im Spektrum zu sprechen anfangen, warum Warten die wirksamste Hilfe im Alltag ist und was Kinder beruhigt, wenn zu viel auf sie einströmt. Um Erwachsene geht es unter Autismus-Spektrum-Störungen bei Erwachsenen, den Begriff selbst erklärt das Lexikon.

Wann Kinder zu sprechen anfangen

Darauf gibt es keine Zahl, und wer Ihnen eine nennt, rät. Die Spannweite ist größer als bei jedem anderen Bild, mit dem wir arbeiten: Ein Teil der autistischen Kinder spricht zeitgerecht und fällt zunächst gar nicht durch die Sprache auf, sondern durch den Umgang damit. Ein Teil beginnt deutlich später, mit vier, fünf oder auch später, und holt dann in großen Sprüngen auf. Und ein Teil entwickelt keine oder kaum Lautsprache und verständigt sich dauerhaft auf anderen Wegen.

Für Eltern ist unterwegs am schwersten auszuhalten, dass sich diese drei Verläufe im dritten Lebensjahr noch nicht auseinanderhalten lassen. Wir sagen deshalb offen, wenn wir es nicht wissen, und arbeiten trotzdem weiter, weil das Warten auf Klarheit nichts bringt und Zeit kostet.

Was uns aufmerken lässt, ist etwas anderes als ein später Sprechbeginn: der Verlust von Wörtern, die ein Kind schon hatte. Wenn ein Kind mit anderthalb Jahren zwanzig Wörter benutzte und mit zwei Jahren keines mehr davon, gehört das zügig abgeklärt. Ebenso ein Kind, das auf seinen Namen nicht mehr reagiert, obwohl das Hören geprüft ist.

Sprache ist bei Autismus zudem nicht der eigentliche Kern. Viele Kinder im Spektrum haben einen großen Wortschatz und benennen alles, was sie sehen, kommen aber nicht in ein Gespräch. Andere geben Sätze aus Filmen oder Werbespots wieder, teils wortgetreu und über Jahre erinnert. Das ist keine leere Nachahmerei: Sehr oft steckt darin eine Mitteilung, die noch keinen eigenen Satz gefunden hat. Der Unterschied zu einer gewöhnlichen Sprachentwicklungsverzögerung zeigt sich genau hier, denn dort läuft der Aufbau langsamer, aber in derselben Reihenfolge; wie eine solche Verzögerung aussieht, steht unter Sprachentwicklungsstörungen.

Was die Logopädie macht

Autismus wird nicht wegtherapiert, und das ist auch nicht unser Ziel. Wir arbeiten an der Verständigung: daran, dass Ihr Kind mitteilen kann, was es will, und dass es versteht, was von ihm gewollt wird. Alles Weitere folgt daraus.

Am Anfang steht deshalb selten eine Übung, sondern eine Beobachtung. Wie zeigt Ihr Kind heute schon, dass es etwas möchte? Nimmt es Ihre Hand und führt sie hin, stellt es sich vor den Kühlschrank, schreit es, weint es, wirft es etwas? Jede dieser Formen ist Kommunikation, und sie ist der Anknüpfungspunkt. Wir bauen darauf auf, statt sie zu ersetzen, und das ist der Grund, warum die ersten Stunden für Außenstehende oft nach Spielen aussehen.

Von da aus geht es in mehrere Richtungen, je nachdem, was Ihr Kind mitbringt. Wo Lautsprache da ist, arbeiten wir an dem, was zwischen den Wörtern passiert: abwarten, bis der andere fertig ist, ein Thema wechseln, nachfragen, wenn man etwas nicht verstanden hat, merken, dass das Gegenüber gerade keine Lust mehr hat. Wo wenig oder keine Lautsprache da ist, führen wir andere Wege ein, von Gebärden über Bildkarten bis zu Geräten mit Sprachausgabe, siehe Unterstützte Kommunikation. Die häufigste Sorge dazu können wir Ihnen nehmen: Solche Hilfen bremsen das Sprechen nicht aus. In der Praxis passiert eher das Gegenteil, weil der Druck von der Lautsprache genommen wird.

Ein großer Teil unserer Arbeit richtet sich außerdem an Sie und nicht an Ihr Kind. Wir zeigen Ihnen, wie Sie Angebote so bauen, dass Ihr Kind antworten kann, und was Sie dafür lassen dürfen. Diese Anleitung wirkt stärker als die Therapiestunde selbst, weil sie jeden Tag stattfindet und nicht einmal pro Woche.

Wo wir an unsere Grenze kommen, sagen wir es. Für die Diagnostik, für Verhaltensfragen und für die Begleitung der ganzen Familie sind Autismusambulanzen und Autismuszentren zuständig, und die Frage, wie ein autistisches Kind erzogen werden soll, gehört dorthin und nicht in unser Fach. Wir arbeiten gern parallel dazu und stimmen uns ab, wenn Sie das möchten.

Die Sechs-Sekunden-Regel

Was in Elterngruppen als Sechs-Sekunden-Regel kursiert, ist keine Vorgabe aus einer Leitlinie, sondern eine Faustregel aus der Praxis, und sie lautet: Nach einer Frage oder Aufforderung sechs Sekunden nichts tun. Nicht wiederholen, nicht umformulieren, nicht nachhelfen. Einfach warten.

Sechs Sekunden fühlen sich dabei sehr lang an. Zählen Sie einmal mit, während jemand daneben steht und nichts sagt, dann merken Sie, warum kaum jemand von allein so lange durchhält. Wir üben das mit Eltern regelmäßig in der Stunde, und fast alle unterbrechen beim ersten Versuch nach zwei bis drei Sekunden.

Dahinter steckt, dass die Verarbeitung bei vielen autistischen Kindern länger dauert als die Reaktion, die wir gewohnt sind. Hören, verstehen, entscheiden, eine Antwort finden und sie in Bewegung oder Wörter umsetzen: Diese Kette braucht Zeit, und jede Wiederholung von außen setzt sie zurück auf Anfang. Wer dreimal in sechs Sekunden nachfragt, hat dreimal einen neuen Anfang erzwungen und wundert sich dann über keine Antwort. Genau das erleben wir als häufigsten Grund dafür, dass ein Kind zu Hause weniger zeigt als es kann.

Dazu passt eine Beobachtung, die viele Eltern selbst machen und für einen Widerspruch halten: Ihr Kind merkt sich Dinge außergewöhnlich gut, Wege, Melodien, Reihenfolgen, ganze Filmdialoge, und wirkt trotzdem im Gespräch überfordert. Beides gehört zusammen. Was in Ruhe und ohne Zeitdruck aufgenommen wird, sitzt oft besser als bei anderen Kindern. Was unter Tempo und mit vielen Reizen gleichzeitig kommt, geht verloren. Deshalb gilt für alles Lernen dasselbe wie für die sechs Sekunden: weniger auf einmal, dafür ohne Eile und in derselben Form wiederholt.

Wer bei uns autistische Kinder behandelt

Wer in diesem Bereich arbeitet, muss es aushalten, mehrere Stunden lang scheinbar nichts zu tun, weil ein Kind, das sich auf eine fremde Person nicht einlässt, zuerst Vertrauen braucht und erst danach eine Übung. Die Namen stehen darunter, jeweils mit Praxis, Werdegang und den Fortbildungen, die zu diesem Schwerpunkt gehören; im größeren Zusammenhang finden Sie sie über Logopäden und Therapeuten für Kinder.

Was beruhigt

Ein Kind, das schreit, sich auf den Boden wirft oder wegläuft, ist meistens nicht wütend, sondern voll. Zu viel Geräusch, zu viel Licht, zu viele Menschen, zu viele Aufforderungen hintereinander. Wer das einmal so gelesen hat, geht anders damit um.

Was in solchen Momenten hilft, ist erfahrungsgemäß weniger, nicht mehr: Reize herunterfahren, sich zurücknehmen, aufhören zu reden. Viele Kinder brauchen dann Druck oder Bewegung, also eine feste Umarmung, eine schwere Decke, Schaukeln, Springen, einen engen Platz unter dem Tisch. Andere brauchen genau das Gegenteil und wollen niemanden in ihrer Nähe. Was für Ihr Kind stimmt, finden Sie über die Zeit heraus, und es lohnt sich, das aufzuschreiben, damit auch Großeltern und Kita es wissen.

Vorbeugend trägt vor allem Vorhersehbarkeit. Der Tagesablauf muss dafür nicht starr sein, aber er sollte bekannt sein: gleiche Reihenfolge am Morgen, gleiche Rituale beim Übergang von einer Sache zur nächsten, und angekündigte Wechsel statt plötzlicher. Viele Familien arbeiten mit Bildkarten für den Tag, und das ist zugleich ein Stück unserer Arbeit, weil dieselben Karten später zum Mitteilen genutzt werden können. Für Veränderungen, die sich nicht vermeiden lassen, Urlaub, Umzug, neue Gruppe, hilft eine Vorbereitung mit Fotos und wiederholtem Erzählen mehr als jede Beruhigung im Moment selbst.

Und noch etwas gehört dazu, was Eltern selten hören: Es muss nicht alles vermieden werden, was schwerfällt. Kinder wachsen auch im Spektrum an Anforderungen, wenn diese in der richtigen Größe kommen. Die Kunst liegt in der Dosierung, und dabei helfen wir Ihnen gern.

Was oft falsch erzählt wird

Autistische Kinder gelten als gefühllos, und dieser Satz hält sich hartnäckig. Er stimmt nicht. Was schwerfällt, ist das Ablesen von Signalen: zu erkennen, dass jemand traurig ist, obwohl er lacht, oder dass eine Bemerkung ironisch gemeint war. Das Mitfühlen selbst ist davon unberührt, und ein Teil der autistischen Kinder reagiert auf die Stimmung anderer sogar so stark, dass sie sich abwenden müssen, um es auszuhalten.

Umgekehrt gilt dasselbe, und das wird selten gesagt: Nichtautistische Menschen erkennen genauso schlecht, was ein autistisches Kind gerade fühlt. Das Missverständnis geht in beide Richtungen, und deshalb arbeiten wir nie nur mit dem Kind daran.

Ebenfalls hartnäckig ist die Vorstellung, fehlender Blickkontakt sei ein Zeichen von Desinteresse. Für viele autistische Kinder ist das Gegenteil richtig: Wegschauen macht Zuhören überhaupt erst möglich, weil ein Gesicht sehr viel Verarbeitung bindet. Wir bestehen deshalb nicht auf Blickkontakt, und wir raten Ihnen auch davon ab, ihn einzufordern.

Zum Schluss ein Satz zur Abgrenzung, weil er in unserer Sprechstunde regelmäßig fällt. Ein Kind, das zu Hause frei spricht und in der Kita schweigt, ist nicht deshalb autistisch. Das ist ein anderes Bild mit einem anderen Weg, nachzulesen unter selektiver Mutismus und unter Mutismus bei Kindern. Beides kommt auch gemeinsam vor, und dann braucht es beide Zugänge.

Diagnose und erster Termin

Die Diagnose stellen wir nicht. Sie kommt aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie, einem sozialpädiatrischen Zentrum oder einer Autismusambulanz, und der Weg dorthin führt über die Kinderarztpraxis. Für den Beginn bei uns brauchen Sie diese Diagnose allerdings nicht: Die Verordnung wird über die vorliegenden Sprach- und Sprechauffälligkeiten ausgestellt, und viele Familien fangen bei uns an, während die Abklärung noch läuft. Wenn Sie unsicher sind, wo Ihr Kind in der Sprachentwicklung steht, gibt der Sprach-Check nach Altersstufen eine erste Orientierung.

Damit wir Sie gleich zu der Kollegin oder dem Kollegen mit dem passenden Schwerpunkt legen können, hilft es uns zu wissen, wie alt Ihr Kind ist, ob und auf welchem Weg es sich derzeit mitteilt und ob bereits eine Frühförderung, eine Ambulanz oder ein sozialpädiatrisches Zentrum beteiligt ist. Diese Angaben können Sie am Telefon durchgeben, 0511 65580773, oder in Ruhe an anmeldung@bona-lingua.de schreiben.

Zum ersten Termin bringen Sie das U-Heft mit, vorhandene Berichte aus Kita oder Frühförderung und, wenn es sie gibt, die Befunde der Hördiagnostik. Planen Sie ein, dass Ihr Kind zunächst wenig zeigt, und lassen Sie sich davon nicht beunruhigen: Wir sehen in dieser Stunde vor allem, wie Ihr Kind auf einen neuen Raum und eine fremde Person reagiert, und auch das ist ein Befund.

Weil viele Kinder im Spektrum in vertrauter Umgebung deutlich mehr können als in unseren Räumen, behandeln wir in diesem Bereich häufiger zu Hause, siehe Hausbesuche. Für die Termine in der Praxis hat sich ein fester Wochentag zur immer gleichen Uhrzeit bewährt, weil der Weg dorthin dann selbst zur bekannten Reihenfolge gehört; unter Ihre Praxen für Logopädie in Hannover sehen Sie, welche der sieben Adressen sich dafür anbietet.

Weiterlesen