Dysarthrophonie

Dysarthrophonie und Dysarthrie stehen in vielen Arztbriefen nebeneinander, oft im selben Satz, und Betroffene halten das für zwei Namen derselben Sache. Der Unterschied liegt an einer Stelle, die im Alltag den Ausschlag gibt: Bei der Dysarthrophonie ist die Stimme mitbetroffen, also Atmung und Stimmgebung, und nicht allein die Aussprache. Diese Seite geht deshalb nur auf den stimmlichen Anteil ein. Formen, Verlauf, Übungen für zu Hause und die Hinweise für Angehörige stehen im Archiv zur Dysarthrie, die Krankheitslehre mit Ursachen, Diagnostik und Therapieablauf auf unserer Therapieseite zur Dysarthrophonie.

Woran Sie hören, dass die Stimme mitspielt

Bei einer reinen Dysarthrie klingt die Stimme selbst normal, die Laute kommen nur ungenau heraus. Sobald die Stimme dazugehört, ändert sich der Eindruck grundlegend, und Angehörige beschreiben es meistens treffender als jeder Fragebogen.

  • Die Stimme wird zum Satzende hin leiser und kippt auf den letzten Wörtern weg, obwohl der Anfang noch getragen hat.
  • Sie klingt behaucht, als würde beim Sprechen Luft nebenher entweichen, oder umgekehrt gepresst und angestrengt.
  • Die Sätze werden kürzer, weil die Luft nicht bis zum Ende reicht. Nachgeatmet wird mitten im Satz, an Stellen, an denen keine Pause hingehört.
  • Das Einatmen ist hörbar, manchmal als Ziehen oder Pfeifen.
  • Am Telefon versteht Sie niemand, im direkten Gespräch schon. Das ist der häufigste erste Hinweis, weil das Telefon das Mundbild wegnimmt und die Lautstärke bloßstellt.
  • Nach zwanzig Minuten Reden ist die Stimme weg, morgens war sie da.

Wenn Sie davon mehreres wiedererkennen, ist der stimmliche Anteil bei Ihnen kein Nebenschauplatz. Er bestimmt dann, wie viel von dem ankommt, was Sie sagen, und zwar mehr als die Genauigkeit einzelner Laute.

Warum die Luft vor den Lauten kommt

Sprechen läuft auf der Ausatmung. Die Luft strömt aus der Lunge nach oben, versetzt die Stimmlippen in Schwingung, und erst danach formen Zunge, Lippen und Gaumen daraus Laute. Der Aufbau der menschlichen Stimme ist auf unserer Seite zur Dysphonie im Einzelnen beschrieben.

Diese Reihenfolge ist der Grund, warum wir bei einer Dysarthrophonie fast nie oben anfangen. Wer an der Aussprache arbeitet, während unten die Luft fehlt, übt gegen einen Mangel an. Das Ergebnis kennen wir aus Vorbefunden: In der Stunde klappt es, im Alltag nicht, und die Betroffenen halten sich für unfähig, obwohl schlicht die Grundlage fehlte.

Dazu kommt ein Zweites, das im Befund selten auftaucht. Bei vielen neurologischen Bildern sitzt die Anstrengung im Schultergürtel und im Nacken, weil der Körper die fehlende Kraft von unten oben zu ersetzen versucht. Die Stimme wird dann gepresst, das Sprechen kostet Kraft, und nach kurzer Zeit ist der Akku leer. An dieser Stelle bringt Lockerung mehr als Übung, was den meisten Menschen zunächst falsch vorkommt.

Was zuerst drankommt und warum

Wir beginnen mit einer Frage, die sich in wenigen Minuten klären lässt: Trägt die Stimme, wenn die Haltung stimmt und die Luft reicht? Dafür lassen wir Sie im Sitzen und im Stehen sprechen, einmal mit ruhiger Atmung, einmal nach Belastung, und hören auf die Unterschiede.

Trägt sie dann, liegt der Schwerpunkt auf Atemführung und Haltung. Sie lernen, den Satz so zu planen, dass die Luft reicht, statt gegen ihr Ende anzukämpfen: kürzere Sinnabschnitte, Atempausen an sinnvollen Stellen, aufrechte Position ohne Verkrampfung.

Trägt sie nicht, geht es um die Stimmgebung selbst. Dann arbeiten wir daran, dass die Stimmlippen sauber schließen, mit Übungen aus der Stimmtherapie, die wir auf das neurologische Bild zuschneiden. Und wenn beides schwankt, was bei Multipler Sklerose der Regelfall ist, üben wir vor allem das Einteilen: welche Gespräche in welche Tageszeit gehören und wann Schweigen die klügere Entscheidung ist.

Die Aussprache kommt danach, und meistens ist sie zu diesem Zeitpunkt schon besser, ohne dass wir sie angefasst hätten. Für den Fall, dass Sie vorher wissen wollen, was auf Sie zukommt, führt unsere Therapieseite die einzelnen Dysarthrie-Übungen auf.

Ein Sonderfall ist Morbus Parkinson. Dort wird die Stimme oft als Erstes leiser, und die Selbsteinschätzung täuscht dabei zuverlässig: Betroffene halten sich für laut genug, während das Umfeld nachfragt. Welches Programm sich dafür bewährt hat und wie die Aussichten je nach Ursache aussehen, haben wir im Dysarthrie-Archiv beschrieben, den Zusammenhang mit der Erkrankung selbst unter Morbus Parkinson und Logopädie.

Wer bei uns Dysarthrophonien behandelt

Ein Bild, bei dem Stimme und Aussprache gleichzeitig betroffen sind, braucht jemanden, der beide Fächer beherrscht und nicht nur eines davon. Unten stehen unsere Therapeutinnen und Therapeuten mit diesem Schwerpunkt, jeweils mit Praxis und Werdegang. Als reine Namensliste gibt es dieselbe Auswahl unter Dysarthrophonie-Therapeuten.

Verstärker, Telefon, Hilfsmittel

Nach Hilfsmitteln wird uns selten von selbst gefragt, dabei ist das bei einer leisen Stimme der schnellste Gewinn. Ein kleiner Taschenverstärker mit Bügelmikrofon kostet weniger als eine Woche Urlaub, wiegt nichts und macht aus einer Stimme, die im Familienkreis untergeht, wieder eine hörbare. Wir setzen ihn ein, sobald absehbar ist, dass die Lautstärke nicht allein durch Üben zurückkommt, und wir setzen ihn parallel zur Therapie ein, nicht als deren Ende.

Der Einwand kommt regelmäßig und lautet, man mache sich damit abhängig. Nach unserer Erfahrung passiert das Gegenteil: Wer wieder gehört wird, spricht mehr, und wer mehr spricht, trainiert nebenbei. Aufgegeben wird das Sprechen dort, wo es dreimal am Tag nicht ankommt.

Beim Telefonieren helfen ein paar Gewohnheiten mehr als jedes Gerät. Nehmen Sie Videotelefonie, wo es geht, weil das Mundbild einen erheblichen Teil der Verständlichkeit trägt. Nutzen Sie die Freisprecheinrichtung statt des Hörers am Ohr, dann sitzen Sie aufrecht und haben beide Hände frei. Und sagen Sie zu Beginn eines Gesprächs offen, dass Ihre Stimme leise ist und man nachfragen soll. Dieser eine Satz spart auf beiden Seiten viel Rätselraten.

Wenn das Sprechen dauerhaft nicht ausreicht, gibt es den ganzen Bereich der Unterstützten Kommunikation, von der Schrifttafel bis zum sprechenden Gerät. Das ist kein Eingeständnis einer Niederlage, sondern eine Ergänzung für die Situationen, in denen es schnell gehen muss.

Was der Befund sagt und was nicht

Im Katalog der Weltgesundheitsorganisation gibt es keine eigene Ziffer für die Dysarthrophonie. Dysarthrie und Anarthrie stehen dort gemeinsam unter R47.1, und deshalb finden Sie auf Ihrer Verordnung meistens diese Ziffer, auch wenn Ihre Stimme deutlich mitbetroffen ist. Die Ziffer sagt also weniger über Ihr Bild aus, als Sie vermuten würden.

Ähnlich verhält es sich mit den Begriffen selbst. Manche Kliniken schreiben grundsätzlich Dysarthrie, andere unterscheiden sauber, und wieder andere setzen beides nebeneinander. Wie die Abgrenzung fachlich gezogen wird, erklärt unser Lexikoneintrag zu Dysarthrie und Dysarthrophonie, und die ausführliche Gegenüberstellung steht auf der Therapieseite unter Dysarthrophonie.

Für die Behandlung spielt das eine geringere Rolle, als der Aufwand der Begriffsklärung vermuten lässt. Wir hören uns an, was Ihre Stimme tut, und danach richtet sich der Plan. Wichtiger als das Etikett ist die Frage nach der Ursache, denn ein Verlauf nach Schlaganfall verhält sich anders als einer bei ALS. Und weil Sprechen und Schlucken dieselbe Muskulatur benutzen, sehen wir uns bei dieser Gelegenheit gleich mit an, ob beim Essen und Trinken etwas auffällt; was dann folgt, steht unter Schluckstörung und Dysphagie.

Beratung und Termin

Wer Ihnen das Rezept ausstellt, wissen Sie vermutlich schon; falls nicht, fragen Sie in der Praxis, die Ihre Grunderkrankung betreut. Anrufen dürfen Sie aber vorher, und unter 0511 65580773 nehmen wir Ihr Anliegen auf, während schriftliche Anfragen an anmeldung@bona-lingua.de gehen. Sagen Sie uns dabei bitte, ob eher die Lautstärke, die Ausdauer oder die Deutlichkeit das Problem ist, denn danach richtet sich, wen wir Ihnen vorschlagen.

Nützlich ist eine Handyaufnahme von zwei, drei Minuten freiem Erzählen, aufgenommen an einem gewöhnlichen Tag und nicht in der besten Stunde. Daraus hören wir mehr heraus als aus jeder Beschreibung, und sie dient später als Vergleichspunkt. Bringen Sie außerdem den Arztbrief und die Medikamentenliste mit, bei Parkinson gern mit den Einnahmezeiten.

Sollte der Weg zu uns schwerfallen, klären wir das gleich am Telefon: Ein Teil der Behandlungen ist als Hausbesuch verordnungsfähig, und für die Stimmarbeit eignet sich der Bildschirm überraschend gut, siehe Onlinetherapie und Teletherapie. Falls Sie mit dem Auto gefahren werden oder auf den Bus angewiesen sind, lohnt vorab ein Blick auf die Adressen und Zeiten unserer sieben Standorte unter Ihre Praxen für Logopädie in Hannover, weil der kürzeste Weg über Monate hinweg zählt.

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