Psychogene Stimmstörung
Die Stimme ist von einem Tag auf den anderen weg, und in der HNO-Praxis heißt es: alles in Ordnung. Für Betroffene ist das der verwirrendste Befund, den es gibt, denn sie hören ja selbst, dass nichts in Ordnung ist. Eine psychogene Stimmstörung bedeutet, dass der Kehlkopf unversehrt ist und die Steuerung trotzdem nicht mehr greift. Auf dieser Seite geht es um die Fragen, die nach diesem Arztbesuch offenbleiben: wie die Diagnose überhaupt zustande kommt, was in der ersten Therapiestunde passiert, wie schnell die Stimme zurückkommt und wann eine Psychotherapie dazugehört. Krankheitslehre, Ursachen und erste Übungen für zu Hause stehen auf unserer Therapieseite zur psychogenen Dysphonie.
Wie die Diagnose zustande kommt
Für eine psychogene Stimmstörung gibt es keinen Nachweis, den man führen könnte. Sie bleibt am Ende einer Reihe von Untersuchungen übrig. Am Anfang steht dabei immer der Blick auf den Kehlkopf, und erst wenn dort nichts zu finden ist, was das Ausmaß der Beschwerden erklären würde, kommt dieser Befund überhaupt in Betracht.
Ausgeschlossen wird dabei der Katalog der körperlichen Ursachen: Knötchen und Polypen an den Stimmlippen, eine Entzündung, eine Lähmung des Stimmlippennervs, eine Veränderung nach Beatmung oder Operation, seltener ein Tumor. Diese Bilder haben ihren eigenen Weg, nachzulesen unter Organische Stimmstörungen.
Was Betroffene an dieser Stelle oft irritiert: Es gibt kein Bild und keinen Laborwert, der die psychogene Stimmstörung beweist. Sie ergibt sich aus dem Zusammenspiel von drei Beobachtungen. Der Kehlkopf sieht unauffällig aus. Die Beschwerden passen in ihrer Schwere nicht zum Befund. Und die Stimme verhält sich widersprüchlich, taucht also in bestimmten Momenten auf und in anderen nicht.
Genau dieser dritte Punkt ist der aussagekräftigste, und er entsteht selten in der Arztpraxis, sondern meistens bei uns. Deshalb ist die Reihenfolge in der Praxis oft umgekehrt: Der Verdacht wird in der Stimmtherapie erhärtet, nicht bei der Erstuntersuchung.
Was das Wort psychogen bedeutet
Kaum ein Fachbegriff richtet so viel Schaden an wie dieser. In den Ohren der meisten Menschen heißt psychogen: eingebildet, gewollt, übertrieben. Wir hören regelmäßig den Satz "Man glaubt mir nicht", und er kommt fast immer, bevor jemand die eigene Geschichte erzählt.
Deshalb an dieser Stelle klar: Die Stimmlosigkeit ist echt. Sie entsteht nicht dadurch, dass jemand nicht sprechen will, und sie lässt sich nicht dadurch beenden, dass man sich zusammenreißt. Was gestört ist, ist die unwillkürliche Steuerung, also der Teil der Stimmgebung, über den Sie ohnehin keine bewusste Kontrolle haben. Sie können Ihre Stimmlippen so wenig willentlich schließen, wie Sie Ihren Herzschlag verlangsamen können.
Den Mechanismus dahinter kennen Sie aus harmloseren Zusammenhängen. Vor einer Rede wird der Mund trocken, bei Angst schnürt sich der Hals zu, bei Anspannung wird die Stimme dünn und hoch. Das sind dieselben Mechanismen, nur schwächer. Bei einer psychogenen Stimmstörung ist dieser Zustand nicht nach zehn Minuten vorbei, sondern bleibt. Eine Etage tiefer gibt es dasselbe Bild beim Essen: Dort blockiert der Hals, obwohl der Schluckapparat unversehrt ist, siehe psychogene Schluckstörung.
Und noch etwas gehört zur Ehrlichkeit: Nicht jede psychogene Stimmstörung hat ein dramatisches Ereignis im Vorfeld. Manchmal beginnt es mit einer gewöhnlichen Erkältung, die Heiserkeit bleibt länger als sie sollte, daraus wird Sorge, aus der Sorge Schonung, aus der Schonung ein Muster. Wer in so einem Fall nach dem großen Auslöser sucht, sucht am falschen Ort.
Was in der ersten Stunde passiert
Hier liegt der Unterschied zu fast allen anderen Bildern, mit denen Menschen zu uns kommen: Bei der psychogenen Stimmstörung ist in der ersten Sitzung häufig schon Stimme da, manchmal nach wenigen Minuten.
Dahinter steckt eine einfache Beobachtung. Die Stimmlippen arbeiten reflexhaft weiter, auch wenn das absichtliche Sprechen nicht funktioniert. Wer nicht sprechen kann, kann trotzdem husten, sich räuspern, lachen, gähnen, manchmal singen oder brummen, und in all diesen Momenten schwingen die Stimmlippen ganz normal. Wir nutzen das: Aus einem Räuspern wird ein gehaltener Ton, aus dem Ton eine Silbe, aus der Silbe ein Wort.
Für die meisten ist das ein eigenartiger Moment, und die Reaktionen gehen weit auseinander. Manche weinen, manche lachen, manche erschrecken. Was wir Ihnen dazu sagen können: Dass die Stimme in dieser Situation kommt, ist keine Zauberei und beweist auch nicht, dass alles halb so schlimm war. Es zeigt, dass das Werkzeug intakt ist. Der Weg zurück in den Alltag beginnt danach erst.
Denn hier stolpern viele. Die Stimme ist im Behandlungsraum da und zu Hause wieder weg, oder sie hält zwei Tage und verschwindet beim ersten schwierigen Telefonat. So verläuft es fast immer, und ein Rückschlag ist es nicht. Woran wir dann arbeiten, sind die Situationen selbst: welche Stimme in welchem Zusammenhang zurückkommt und welche nicht.
Wer bei uns psychogene Stimmstörungen behandelt
Dieses Bild verlangt handwerkliche Stimmarbeit und gleichzeitig die Ruhe, im richtigen Moment nichts zu tun. Unsere Kolleginnen und Kollegen mit diesem Schwerpunkt stehen unten aufgelistet, jeweils mit Standort und Werdegang; dieselben Namen ohne Beiwerk finden Sie unter Therapeuten für psychogene Dysphonie.
Saya Ritze

Staatlich anerkannte Logopädin. Schwerpunkte: Kindersprache, Stimmtherapie
mehr über Saya RitzeSofie Lebek

Staatlich anerkannte Logopädin. Schwerpunkte: Kindersprache, Neurologie, Stimme
mehr über Sofie LebekHenrike Scholz

staatlich geprüfte Atem-, Sprech- & Stimmlehrerin sowie Bühnenfachdarstellerin im Bereich Musical, begrüßt Sie herzlich in unserer Praxis in der Südstadt
mehr über Henrike ScholzAnneke Brockmann

Logopädin. Schwerpunkte: Stimmstörungen, Kindersprache …
mehr über Anneke BrockmannVanessa Gensch

Staatlich anerkannte Logopädin. Schwerpunkte: Sprachentwicklungsstörungen, Dysphonie, neurogene Sprach- und Sprechstörungen …
mehr über Vanessa GenschBüşra Geni

Staatlich anerkannte Logopädin. Schwerpunkte: Stimmstörungen, neurologische Störungsgebiete, Kindersprache, Stimmtherapie für Transgender und Transsexuelle …
mehr über Büşra GeniNadja Seitz

Staatlich anerkannte Logopädin, Stimmtrainerin. Schwerpunkte: neurologische und degenerative Erkrankungen, TK-Management, Stimmtherapie, Sprachentwicklungsstörungen
mehr über Nadja SeitzMarie Schütte

Staatlich anerkannte Logopädin. Schwerpunkte: Sprachentwicklungsstörungen, Stimmstörungen, neurologische Krankheitsbilder …
mehr über Marie SchütteRichard Seelig

Staatlich anerkannter Logopäde B. Sc, Dysphagie-Fachtherapeut. Schwerpunkte: neurologische/degenerative Erkrankungen, Stimm- und Aussprachestörungen, MST, AAP …
mehr über Richard SeeligTabea Beckmann

Atem-, Sprech- und Stimmlehrerin. Schwerpunkte: Stimmstörungen, Aussprachestörungen, Stimmtherapie für Transgender und Transsexuelle, Kindertherapie …
mehr über Tabea BeckmannPsychogen, funktionell, organisch
Nach diesen Wörtern ist das gesamte Feld der Stimmstörungen sortiert, und im Alltag werden sie durcheinandergebracht, auch von Fachleuten.
Von einer organischen Stimmstörung spricht man, wenn am Kehlkopf oder an den Stimmlippen etwas verändert ist, das man sehen kann. Bei der funktionellen Stimmstörung ist der Kehlkopf ebenfalls unauffällig, aber die Stimme wird über längere Zeit falsch gebraucht, meistens mit zu viel Kraft, häufig in Sprechberufen. Wie sich das anfühlt und was dagegen hilft, steht unter Funktionelle Dysphonie, kurz gefasst im Lexikon unter funktionelle Dysphonie und für den beruflichen Zusammenhang unter Berufsdysphonie.
Die psychogene Stimmstörung teilt sich mit der funktionellen den unauffälligen Kehlkopf und unterscheidet sich in Verlauf und Auslöser. Sie beginnt typischerweise plötzlich statt schleichend, oft von einem Tag auf den anderen. Sie schwankt stark, statt sich gleichmäßig zu verschlechtern. Und sie hängt an Situationen, nicht an der Sprechmenge.
Ein viertes Bild wird regelmäßig mit dem psychogenen verwechselt und braucht eine ganz andere Behandlung: Bei der spasmodischen Dysphonie krampfen die Kehlkopfmuskeln beim Sprechen, während Singen und Lachen mühelos gelingen. Weil auch dort Anspannung das Bild verschlechtert, landen Betroffene oft jahrelang in der falschen Schublade.
In der Praxis liegen die Grenzen weniger sauber, als diese Beschreibung nahelegt. Wer monatelang gegen eine verspannte Stimme anspricht, entwickelt Angst davor, und wer aus Angst die Stimme schont, verspannt sich. Beides zieht sich gegenseitig nach. Wir behandeln deshalb, was wir vor uns haben, und nicht die Überschrift auf der Verordnung. Ist die Stimme vollständig weg und nur Flüstern möglich, heißt das übrigens Aphonie, erklärt unter Aphonie; ist sie noch da, aber verändert, spricht man von Dysphonie. Beides kommt bei psychogener Ursache vor.
Wie schnell die Stimme zurückkommt
Ehrlich beantwortet zerfällt diese Frage in zwei. Wie schnell kommt überhaupt ein Ton, und wie schnell hält er im Alltag?
Der erste Teil geht oft schnell, siehe oben. Der zweite Teil braucht Wochen, gelegentlich Monate, und dabei ist die Dauer der Beschwerden vor Therapiebeginn der beste Anhaltspunkt: Wer nach zwei Wochen kommt, hat es leichter als jemand, der ein Jahr lang geflüstert hat. Deswegen, und nur deswegen, raten wir hier zur Eile. Wie viele Einheiten verordnet werden und wie sich das mit dem Heilmittelkatalog verträgt, ist auf der Therapieseite unter psychogene Dysphonie beschrieben.
Womit Sie rechnen sollten, sind Rückfälle. Sie kommen bei diesem Bild häufiger vor als bei den anderen Stimmstörungen, und sie sind kein Zeichen dafür, dass die Behandlung nichts gebracht hätte. Meistens fallen sie mit einer belastenden Phase zusammen, manchmal auch nur mit einem Infekt. Der zweite Rückfall fällt fast immer deutlich kürzer aus als der erste, weil Sie dann bereits wissen, wie Sie den Ton wiederfinden.
Verlängert wird der Verlauf dagegen durch Gewohnheiten, die alle gut gemeint sind. Dauerhaftes Flüstern gehört dazu, weil es den Kehlkopf mehr anstrengt als normales Sprechen. Wochenlanges Warten auf den nächsten Untersuchungstermin, statt in der Zwischenzeit anzufangen. Und ein Umfeld, das die Stimmlosigkeit übernimmt, also für Sie bestellt, telefoniert und antwortet. Das ist der schnellste Weg, das Sprechen aus dem Alltag zu verlieren.
Wann Psychotherapie dazugehört
Nicht jede psychogene Stimmstörung braucht eine Psychotherapie. Wenn die Stimme zurückkommt und stabil bleibt, war die Stimmtherapie die passende Antwort, und damit ist die Sache erledigt.
Wir sprechen das Thema an, wenn eines von drei Dingen eintritt: Die Stimme kommt zwar, hält aber über Wochen hinweg nicht. Es zeigt sich ein Muster, dass genau die belastenden Gespräche stimmlos bleiben. Oder es kommt im Verlauf etwas zur Sprache, das über unser Fach hinausgeht, ein Verlust, eine anhaltende Überlastung, eine alte Erfahrung.
Wie wir das halten: Wir stellen die Frage, wir drängen nicht, und wir behandeln in der Zwischenzeit weiter. Es hat sich bewährt, beides nebeneinander laufen zu lassen statt nacheinander, weil die Arbeit an der Stimme dem Rest oft den Weg bahnt. Über Adressen sprechen Sie am besten mit Ihrer Hausärztin; wir sagen Ihnen gern, was uns aufgefallen ist, damit Sie es dort nicht neu erklären müssen.
Beratung und Termin
Die Verordnung stellt die HNO-Praxis aus, in vielen Fällen auch die Hausarztpraxis. Rufen Sie uns davor an, wenn Sie unsicher sind, ob Sie bei uns richtig sind: Die Anmeldung erreichen Sie unter 0511 65580773. Falls Sie gerade nicht sprechen können, und bei diesem Bild ist das der Normalfall, schreiben Sie an anmeldung@bona-lingua.de oder lassen Sie jemanden für Sie anrufen. Sagen Sie uns dabei, seit wann die Stimme weg ist und ob sie schon einmal kurz zurück war.
Zum ersten Termin bringen Sie den HNO-Befund mit, sofern Sie ihn schon haben. Falls nicht, kommen Sie trotzdem: Wir können zwar keine Diagnose stellen, aber wir hören in einer Stunde meistens, wohin die Reise geht, und Sie gehen mit einer klaren Empfehlung wieder heraus. Ob Ihre Beschwerden überhaupt in dieses Fach gehören, können Sie vorab mit der Übersicht unter Habe ich eine Stimmstörung? sortieren.
Wir behandeln an sieben Standorten in Hannover und der Region, und weil bei diesem Bild die Regelmäßigkeit über den Verlauf entscheidet, lohnt es sich, unter Ihre Praxen für Logopädie in Hannover den mit dem kürzesten Weg herauszusuchen. Wo das nicht geht, arbeiten wir per Bildschirm weiter, siehe Onlinetherapie und Teletherapie, und in begründeten Fällen kommen wir zu Ihnen, siehe Hausbesuche.
Weiterlesen
- Psychogene Dysphonie: Ursachen, Symptome, erste Übungen
- Stimmstörung und Dysphonie im Überblick
- Funktionelle Dysphonie
- Organische Stimmstörungen
- Stimmtherapie bei Bona Lingua
- Die Formen der Dysphonie auseinandergehalten
- Lexikon: Aphonie
- Habe ich eine Stimmstörung?







