VED/Verbale Entwicklungsdyspraxie
Ihr Kind sagt „Kindergarten“ heute richtig und morgen „Tindadaten“, und beim dritten Versuch kommt etwas Drittes. Diese Unbeständigkeit ist das Merkmal, das die verbale Entwicklungsdyspraxie von allen anderen Aussprachestörungen trennt, und sie ist der Grund, warum bei diesen Kindern die üblichen Lautübungen nicht anschlagen. Hier steht, wie Sie eine VED von einer phonologischen Störung unterscheiden, was Sie für Kita und Schule wissen müssen, wie realistisch die Aussichten sind und was zu Hause tatsächlich hilft. Die vollständige Darstellung mit Symptomliste, Checkliste und Antragsfragen finden Sie auf unserer Seite zur verbalen Entwicklungsdyspraxie.
Derselbe Fehler klingt jedes Mal anders
Kinder mit einer VED wissen, welches Wort sie sagen wollen, und an den Sprechwerkzeugen liegt es auch nicht. Was nicht zustande kommt, ist die Bewegungsfolge dafür. Weil die jedes Mal neu geplant werden muss, fällt sie jedes Mal anders aus.
Für Eltern ist das am Frühstückstisch besser zu erkennen als in jedem Befund. Ein Kind mit einer gewöhnlichen Aussprachestörung sagt zuverlässig „Tuh“ statt „Kuh“, jeden Tag gleich. Ein Kind mit VED sagt „Tuh“, „Puh“, „Kuh“ und „Uh“, und das Richtige ist zufällig dabei.
Nachsprechen gelingt dabei besser als freies Sprechen, weil das Vorbild die Planung stützt. Und Sätze sind schwerer als einzelne Wörter, obwohl es umgekehrt sein müsste, wenn es an einzelnen Lauten läge. Beides hören wir in fast jedem Erstgespräch, oft noch bevor wir danach gefragt haben.
Am Mund lässt sich die Suche sehen: Lippen und Zunge setzen an, korrigieren, setzen neu an, bevor überhaupt ein Laut kommt. Bei manchen Kindern bleibt das Sprechen lange auf Vokale beschränkt, sodass der Satz eine Melodie hat, aber keine Wörter. Die übrigen Merkmale, von der heiseren Stimme bis zu Grob- und Feinmotorik, stehen vollständig aufgelistet auf unserer VED-Seite.
Diese Kinder wollen erzählen, und sie merken genau, dass es nicht ankommt. Aus dieser Mischung entsteht der Frust, von dem Eltern uns am Telefon berichten, und deshalb gehört ein zweiter Weg der Verständigung von Anfang an in die Therapie.
Wenig Lallen im ersten Lebensjahr fällt vielen Eltern erst im Rückblick wieder ein. Babys, die kaum Silbenketten produziert haben, kaum „bababa“ und „dadada“, tauchen in diesen Vorgeschichten häufig auf. Dazu kommen oft Schwierigkeiten beim Übergang von Brei auf feste Nahrung und viel Speichel, siehe Fütterstörung.
VED, phonologische Störung oder Sprechapraxie?
An dieser Unterscheidung hängt die Therapiemethode. Wer eine VED wie eine phonologische Störung behandelt, übt monatelang ohne Ergebnis, und genau das haben viele Kinder schon hinter sich, wenn sie zu uns kommen.
Wenn ein Kind einen Laut motorisch gar nicht bilden kann, sprechen wir von einer phonetischen Störung. Der Fehler bleibt dann jeden Tag derselbe, er betrifft bestimmte Laute, und über Lautanbahnung lässt er sich gut auflösen.
Bei einer phonologischen Störung kann das Kind die Laute bilden, sortiert sie im System aber falsch ein. Es ersetzt regelhaft, etwa alle hinteren Laute durch vordere, und diese Regel gilt durchgängig. Gearbeitet wird dann am Sortieren, die Bewegung selbst bleibt außen vor.
Bei der VED ist die Planung der Bewegung betroffen. Daher die Unbeständigkeit, daher die Suchbewegungen, daher der Vorteil beim Nachsprechen. Geübt wird die Bewegungsfolge selbst, hochfrequent und an wenigen, immer gleichen Wörtern.
Von der Sprechapraxie bei Erwachsenen trennt sich die VED durch die Vorgeschichte. Dort ist ein funktionierendes Sprechen durch eine Hirnschädigung verloren gegangen, hier wurde es nie aufgebaut. Die Symptome ähneln sich, Aufbau und Tempo der Therapie unterscheiden sich deutlich. Der Begriff selbst steht im Lexikon unter verbale Entwicklungsdyspraxie.
So sauber getrennt liegt der Fall allerdings selten. Eine dyspraktische Komponente kann auch in einer anderen Sprech- oder Sprachstörung stecken, und dann haben wir ein Mischbild vor uns, das sich erst über mehrere Termine sortiert. Wir sagen im Erstgespräch deshalb, wonach es aussieht, und legen die Methode nach der zweiten oder dritten Stunde fest.
Diagnostisch arbeiten wir mit der VED-Checkliste, deren Testbereiche einzeln auf unserer VED-Seite beschrieben sind. Für die Abgrenzung zählt vor allem, wie schnell ein Kind zwischen zwei Lauten hin und her wechseln kann, siehe Diadochokinese. Ein Kind mit einer phonologischen Störung bekommt das flüssig hin, ein Kind mit VED bleibt dabei hängen.
Ist eine VED heilbar?
Die Frage steht in jedem Erstgespräch, oft noch vor dem Anmeldebogen. Auswachsen tut sich eine VED nicht. Sie ist keine Verzögerung, bei der ein Kind nur später ans Ziel kommt, und Abwarten verbessert daran nichts. Das unterscheidet sie von einer Sprachentwicklungsverzögerung, mit der sie oft verwechselt wird.
Behandelbar ist sie gut, und die Spanne der Ergebnisse ist groß. Ein Teil der Kinder spricht nach mehreren Jahren Therapie unauffällig oder fast unauffällig. Bei anderen bleibt das Sprechen angestrengter und langsamer als bei Gleichaltrigen, ist aber verständlich. Darüber entscheiden die Schwere, das Alter beim Beginn, die Frage, ob weitere Störungen dazukommen, und der Übungsumfang zu Hause. Gerade der wiegt bei diesem Störungsbild schwerer als bei jedem anderen, weil Bewegungsplanung sich nur über Wiederholung festigt.
Was Sie von uns nicht bekommen, ist eine Jahreszahl. Wer nach zwei Terminen sagt, in welchem Alter Ihr Kind normal sprechen wird, rät. Nach etwa drei Monaten können wir Ihnen sagen, wie Ihr Kind auf Therapie anspringt, und das ist der brauchbarere Anhaltspunkt. Ablesen lässt sich das an Wörtern, die über mehrere Wochen stabil bleiben, an kürzeren Suchbewegungen vor dem ersten Laut und daran, ob ein Kind anfängt, sich selbst zu korrigieren, ohne dass jemand es dazu auffordert.
Rechnen Sie außerdem mit einer langen Begleitung. Mit zehn Einheiten ist eine VED-Therapie nicht erledigt, sie läuft über Jahre, mit Pausen dazwischen. Das sagen wir früh, damit nach der ersten Verordnung niemand denkt, es habe nicht gewirkt.
Kita, Schule und Nachteilsausgleich
Ja, viele Kinder mit VED besuchen die Regelschule. Danach fragen Eltern im Erstgespräch fast immer, und ausschlaggebend ist das Gesamtbild, zu dem das Sprechen nur einen Teil beiträgt. Eine Sprachheilschule oder eine Sprachheilklasse ist für einige Kinder der bessere Start, weil dort kleinere Gruppen und Sprachförderung im Unterricht selbst vorhanden sind. Von dort aus ist der Wechsel in die Regelschule jederzeit möglich, und er passiert regelmäßig. Für die Einschulungsuntersuchung schreiben wir einen Bericht, in dem steht, was Ihr Kind kann und was es braucht.
Dicht dahinter kommt die Frage nach den Noten. Mündliche Leistungen lassen sich über einen Nachteilsausgleich anders erheben, etwa mit mehr Zeit, in kleinerer Runde, schriftlich oder als Aufnahme. In Niedersachsen ist das über die Erlasse zum Nachteilsausgleich geregelt, und die Schule braucht dafür einen fachlichen Nachweis, den wir liefern. Der Ausgleich verändert die Bedingungen und nicht den Anspruch, er ist also kein Notenschutz und muss auch nicht im Zeugnis stehen. Fragen Sie früh in der Schule danach, am besten vor dem ersten Zeugnis und nicht danach.
In Kita und Schule wirken wenige Absprachen erstaunlich viel. Dem Kind Zeit lassen, ihm das Wort nicht abnehmen, es nicht zum Wiederholen auffordern, Antworten auch nichtsprachlich zulassen, und ihm einen festen Weg geben, um sich mitzuteilen, wenn das Sprechen gerade nicht trägt. Sprechen Sie das mit der Lehrkraft persönlich ab und verlassen Sie sich nicht darauf, dass unser Bericht aus der Schublade heraus in der Klasse ankommt.
Ein Schwerbehindertenausweis und eine Pflegestufe kommen bei entsprechender Ausprägung in Frage. Beides läuft über Anträge, bei beiden liefern wir die nötigen Berichte, und welcher Antrag wohin gehört, steht auf unserer VED-Seite.
Therapeutinnen und Therapeuten für VED
VED-Therapie ist ein Spezialgebiet mit Zusatzausbildung, und die Liste hier ist deshalb kurz. Klicken Sie einen Namen an, dann sehen Sie, an welchem Standort die Person arbeitet und mit welchen Methoden sie bei einer Dyspraxie vorgeht. Wer gerade Kapazität für ein neues Kind hat, wechselt allerdings von Woche zu Woche, und das steht in keinem Profil. Fragen Sie danach am Telefon. Alle Angaben nebeneinander stehen unter Therapeuten für verbale Entwicklungsdyspraxie.
Was zu Hause hilft
Eltern, die andere Störungsbilder kennen, erwarten meistens mehr Übungsmaterial. Bei einer VED gilt das Gegenteil, nämlich weniger Wörter und dafür sehr viel mehr Wiederholungen. Bewegungsplanung festigt sich über Menge, Abwechslung bringt hier nichts. Zwanzig Wörter, hundert Mal geübt, bringen mehr als zweihundert Wörter einmal.
Kurz und täglich schlägt lang und selten. Zwei mal fünf Minuten am Tag bringen mehr als eine halbe Stunde am Wochenende, und das gilt hier noch stärker als bei anderen Störungsbildern. Legen Sie die Minuten auf eine feste Stelle im Tag, etwa nach dem Zähneputzen. Wer wartet, bis Zeit ist, kommt auf drei Tage in der Woche.
Die Übungswörter kommen aus dem Alltag Ihres Kindes: die Namen von Geschwistern und Haustieren, das Lieblingsessen, „nochmal“, „aufmachen“, „ich will“. Wörter, die im Leben nicht vorkommen, werden nicht gebraucht und deshalb auch nicht gefestigt.
Wichtiger als jede Übung ist am Anfang, dass Ihr Kind sich mitteilen kann, auch bevor das Sprechen trägt. Gebärden, Bilder, Zeigen, ein einfaches Kommunikationsbuch oder eine App. Die Sorge, das Sprechen damit zu bremsen, hören wir oft, und sie ist unbegründet. Es läuft umgekehrt: Sobald ein Kind sich verständlich machen kann, sinkt der Druck, und aus dem Druck kommt das Verstummen.
„Sag das nochmal richtig“ ist der Satz, den Sie streichen sollten. Beim zweiten Versuch kommt bei einer VED meistens weniger heraus als beim ersten, weil der Druck steigt und die Planung darunter noch schlechter läuft. Sprechen Sie stattdessen das richtige Wort einmal beiläufig vor und gehen Sie weiter. Und keine Übungen aus Videos ohne Absprache, solange die Methode noch nicht festgelegt ist.
Wenn Sie unsicher sind, ob Sie zu Hause das Richtige tun, nehmen Sie zwei Minuten mit dem Handy auf und bringen Sie die Aufnahme mit. Das klärt in der Stunde mehr als jede Beschreibung am Telefon.
Wie die Therapie abläuft
Wir arbeiten mit hoher Frequenz und wenig Inhalt. In einer Sitzung geht es um wenige Zielwörter, die sehr viele Male produziert werden, und damit läuft eine VED-Therapie anders als jede gewöhnliche Aussprachetherapie. Eltern, die vorher schon Logopädie hatten, wundern sich in der ersten Stunde oft, wie eintönig das aussieht.
Für jeden Laut baut Ihr Kind bei uns eine Assoziationshilfe auf, also ein Bild, eine Geste, eine Farbe und das geschriebene Zeichen. Wie so ein Blatt aussieht, zeigen wir am Beispiel des Lautes M auf unserer VED-Seite. Die Bewegung bekommt damit einen Anker, den Ihr Kind selbst aufrufen kann, und über den gehen wir dann in Silben, Wörter und Sätze weiter.
Rhythmus und Melodie helfen mehr, als man erwartet. Wir sprechen im Takt, klopfen mit, singen Wörter. Weil automatisierte Reihen bei diesen Kindern besser laufen als freies Sprechen, nutzen wir diesen Umweg absichtlich und lösen die Stütze später wieder ab.
Wir bitten Sie als Eltern in den Raum, jedenfalls zu Beginn und zum Schluss jeder Einheit. Sie bekommen das Material für die Woche und sehen an Ihrem eigenen Kind, wie es gemeint ist, damit zu Hause nicht versehentlich etwas anderes geübt wird. Bei anderen Störungsbildern ist das hilfreich, bei einer VED entscheidet es darüber, ob überhaupt etwas vorangeht.
Auf einer Verordnung stehen üblicherweise zehn Einheiten, wöchentlich. Weil bei einer Dyspraxie die Frequenz zählt, sprechen wir mit der Kinderarztpraxis oft über zwei Termine pro Woche, und das lässt sich begründen. Den Rahmen dafür setzt die Heilmittelrichtlinie.
Bewegt sich das Sprechen nach etwa drei bis sechs Monaten kaum, wechseln wir die Methode. Therapieresistenz gegenüber klassischen Ansätzen gehört zum Bild der VED, und sie ist ein Grund, das Vorgehen zu ändern, nicht das Kind stärker zu belasten.
Wann Sie sich melden sollten
Es gibt keinen Grund zu warten. Für Kinder unter zwei Jahren stellen wir noch keine VED-Diagnose, aber wir können beurteilen, ob die Sprechentwicklung auffällig verläuft, und wir können Sie anleiten. Diese Zeit ist gut genutzt.
Ein Termin lohnt besonders, wenn Ihr Kind mit zwei Jahren kaum Wörter bildet, wenn Sie es selbst schlecht verstehen, wenn dasselbe Wort ständig anders klingt, oder wenn eine Sprachtherapie schon läuft und nach Monaten nichts passiert. Der letzte Fall ist der häufigste Anlass, aus dem Familien zu uns wechseln. Für eine erste Einschätzung nach Alter hilft unser Sprachentwicklungstest.
Am schnellsten geht ein Anruf: 0511 65580773. Schriftlich erreichen Sie uns unter anmeldung@bona-lingua.de, und wenn Sie eine Handyaufnahme Ihres Kindes anhängen, können wir vorab schon etwas dazu sagen. Für die Verordnung gehen Sie in die Kinderarztpraxis und erwähnen dort, dass eine dyspraktische Störung im Raum steht, damit die Diagnostik entsprechend angesetzt wird. Welcher unserer sieben Standorte gerade einen Platz frei hat, klären wir im Gespräch; die Adressen stehen unter Ihre Praxen für Logopädie in Hannover.
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