Therapie nach Barbara Zollinger

Nach der Diagnostik hören Eltern bei uns manchmal den Satz, wir würden nach Zollinger arbeiten, und wissen danach nicht mehr als vorher. Der Ansatz geht auf die Schweizer Logopädin Barbara Zollinger zurück und setzt eine Ebene früher an als bei Lauten und Wörtern: bei der Entdeckung, dass Dinge eine Bedeutung haben und dass man mit einem Wort auf etwas verweisen kann, das gar nicht im Zimmer ist. Diese Seite beschreibt, was in der Eingangsbeobachtung angesehen wird, warum eine Stunde nach Spielen aussieht, für welche Kinder das passt und für welche nicht. Wie das Modell dahinter aufgebaut ist, steht bei den Grundgedanken des Ansatzes auf unserer Late-Talker-Seite.

Das Entwicklungsprofil am Anfang

Was am Anfang steht, ist eine Beobachtung im freien Spiel, aus der ein Profil entsteht. Punktwerte kommen dabei keine heraus. Genau danach suchen Eltern oft, wenn sie auf Begriffe wie Entwicklungsprofil oder Diagnostikbogen stoßen: Gemeint ist ein Beobachtungsbogen für Fachleute, kein Formular, das man ausgefüllt mit nach Hause bekommt.

Angesehen wird, was Ihr Kind mit den Dingen macht. Ob es eine Dose öffnet und wieder schließt, ob es den Löffel zum Mund führt oder damit klopft, ob es einen Gegenstand für etwas anderes benutzen kann, ob es einen Bauklotz als Auto über den Boden schiebt. Dieser Übergang vom Hantieren zum So-tun-als-ob ist der Punkt, auf den wir warten, weil er dieselbe Fähigkeit braucht wie Sprache.

Daneben zählt, wie Ihr Kind uns einbezieht: ob es zeigt, ob es Blickkontakt sucht, wenn etwas Spannendes passiert, ob es uns etwas bringt und ob es merkt, wenn wir nicht mehr mitmachen. Und natürlich, was es versteht und was es sagt, in dieser Reihenfolge.

Das Ergebnis ist ein Bild mit unterschiedlich hohen Säulen. Ein Kind kann im Spiel weit sein und sprachlich zurückliegen, ein anderes hat viele Wörter und kein Symbolspiel, und die Behandlung setzt jeweils an einer anderen Stelle an. Deshalb bekommen zwei gleich alte Kinder mit derselben Wortzahl bei uns nicht dasselbe Programm.

Zwei bis drei Termine gehen dafür drauf, oft mit Videoaufnahme, immer mit Ihnen im Raum. Beim Nachgespräch zeigen wir Ihnen die Stelle, an der wir etwas gesehen haben, und lassen den Bogen dabei zu.

Warum eine Stunde nach Spielen aussieht

Im Raum liegt wenig: eine Dose mit Deckel, ein Tuch, eine Puppe, ein Auto, ein paar Klötze. Kein Stapel Bildkarten, kein Übungsheft. Das Material ist so ausgewählt, dass es Fragen aufwirft, statt Antworten vorzugeben.

Wir folgen dabei dem, was Ihr Kind anfängt, und bauen daraus Situationen, in denen Sprechen etwas bringt. Die Dose sitzt zu fest. Der Deckel ist verschwunden. Die Puppe soll auch etwas essen. Und dann warten wir, länger als es sich für Erwachsene richtig anfühlt, weil ein Kind erst in der Pause merkt, dass es an ihm ist.

Die Frage, die uns Eltern in dieser Phase am häufigsten stellen, lautet, wann wir denn anfangen, Wörter zu üben. Die ehrliche Antwort ist unbequem: Ein Kind, das noch nicht entdeckt hat, dass ein Wort für etwas steht, kann Wörter nachsprechen und lernt dabei trotzdem nicht sprechen. Es sammelt Laute ohne Zweck. Deshalb kommt das Üben am Wortschatz später, und dann geht es schnell.

Was Sie zuerst bemerken werden, hat mit Sprache nichts zu tun. Ihr Kind holt Sie an die Hand und führt Sie zum Kühlschrank. Es zeigt auf das Flugzeug am Himmel und dreht sich zu Ihnen um. Es räumt beim Spiel etwas ein und wieder aus. Das ist für viele Familien die schwerste Zeit, weil man Fortschritte nicht hören kann und die Verwandtschaft weiter fragt, ob es denn noch nicht spricht.

Für welche Kinder das passt

Der Ansatz ist für kleine Kinder gebaut, in der Regel zwischen etwa achtzehn Monaten und vier Jahren. Er passt, wenn ein Kind kaum oder nicht spricht, wenn das Spiel noch im Hantieren steckt und wenn es sich vor allem über Ziehen, Schieben und Schreien verständigt. Ab wann das auffällig ist und welche Marke dabei gilt, steht unter Late Talker.

Gute Erfahrungen machen wir damit auch bei Kindern, deren Entwicklung insgesamt langsamer läuft, bei Kindern mit einer Behinderung und in der Phase, in der ein Verdacht auf Autismus noch nicht geklärt ist. In diesem Fall arbeiten wir an der Kommunikation weiter, während die Abklärung läuft, statt sie abzuwarten; wie das aussieht, steht unter Autismus bei Kindern.

Nicht der richtige Weg ist er für das Schulkind, dessen Spiel und Grammatik in Ordnung sind und das einen einzelnen Laut nicht trifft. Da geht es um Motorik und Lautbildung, siehe Phonetische Störung. Ebenso wenig passt er bei einem Vierjährigen, der viel erzählt und dabei Sätze verdreht: Das ist eine Grammatikbaustelle und läuft unter Dysgrammatismus.

Auf dem Rezept steht das Verfahren übrigens nicht. Verordnet wird eine Sprachtherapie mit einer Diagnosegruppe, welchen Weg wir darin gehen, entscheiden wir nach der Beobachtung und besprechen es mit Ihnen; den Rahmen dafür setzt die Heilmittelrichtlinie. Der Begriff, der bei kleinen Kindern meist auf dem Blatt steht, ist unter Sprachentwicklungsverzögerung erklärt.

Wer bei uns nach Zollinger arbeitet

Achtzehn Kolleginnen und Kollegen bei uns haben die Fortbildung dazu und setzen sie regelmäßig ein, verteilt über alle Häuser; einige davon zusätzlich mit einer Weiterbildung in entwicklungspsychologischer Sprachtherapie, die aus derselben Denkrichtung kommt. Es folgen ihre Namen mit Standort und Schwerpunkten, und wichtiger als jede Bezeichnung dahinter ist bei so kleinen Kindern, ob Ihr Kind sich auf die Person einlässt.

Was Eltern dabei tun

Sie sitzen mit im Raum und gehen nicht ins Wartezimmer. Der Grund dafür ist praktisch: Ihr Kind zeigt bei Ihnen anderes als bei uns, und Sie sollen sehen, worauf wir schauen, weil Sie es sonst zu Hause nicht wiedererkennen.

Mitspielen dürfen Sie, müssen es aber nicht. Manche Eltern übernehmen nach ein paar Wochen Teile der Stunde, andere beobachten lieber und probieren es abends allein. Beides funktioniert.

Am Ende jeder Stunde nehmen wir uns fünf Minuten und geben Ihnen eine Beobachtung mit, meist eine einzelne, konkrete. Wortlisten und Hausaufgabenhefte bekommen Sie von uns nicht. Was im Alltag hilft, steht ausführlich bei den Strategien für den Familienalltag, und das Wichtigste daran lässt sich in einem Satz sagen: Nicht mehr sprechen, sondern anders.

Eine Sache bitten wir Sie zu lassen, weil sie regelmäßig nach hinten losgeht. Fordern Sie kein Nachsprechen ein, bevor Ihr Kind aus eigenem Antrieb etwas mitteilt. Aus "sag mal Ball" wird für ein Kind, das noch nicht verstanden hat, wozu Wörter gut sind, eine Prüfung, die es nicht bestehen kann.

Zollinger neben den anderen Ansätzen

Es gibt gute Verfahren, die anders vorgehen, und die Auswahl hängt am Profil aus der Beobachtung, nicht an einer Vorliebe der Behandelnden.

  • Am Wortschatz und an der Grammatik setzt der patholinguistische Ansatz an, in der Praxis meist als Wortschatzsammler oder als Arbeit mit PLAN. Das ist der richtige Weg, sobald ein Kind Wörter benutzt und der Aufbau stockt.
  • Mit den Eltern statt mit dem Kind arbeitet das Heidelberger Elterntraining. Es lohnt sich, wenn ein Kind zu Hause viel mehr zeigt als in einem fremden Raum.
  • Bei Kindern, deren Beziehungsaufbau selbst schwierig ist, greift die entwicklungspsychologische Sprachtherapie, die den Zollinger-Gedanken um diesen Teil erweitert.

Sauber getrennt bleiben diese Wege bei uns selten. Ein Kind, das mit zwei Jahren zu uns kommt, arbeitet oft ein knappes Jahr auf der Spiel- und Handlungsebene, und danach steht Wortschatzarbeit an, weil dann etwas da ist, worauf sie aufsetzen kann. Diesen Wechsel kündigen wir vorher an, sonst wirkt er wie ein Methodenwechsel aus Ratlosigkeit.

Wenn Sie den Ansatz nachlesen möchten: Barbara Zollinger hat ihn in mehreren Büchern beschrieben, das bekannteste heißt "Die Entdeckung der Sprache". Es ist für Fachleute geschrieben, aber die Fallbeschreibungen darin sind auch für Eltern lesbar.

Beratung und erster Termin

Ein Beratungsgespräch bekommen Sie bei uns auch ohne Verordnung, und bei einem Kind unter drei Jahren ist genau das der häufigste Weg zu uns: Unter 0511 65580773 sagt Ihnen die Anmeldung, in welchem unserer Häuser jemand mit dieser Fortbildung freie Zeiten hat, per Mail geht es an anmeldung@bona-lingua.de, und für die Verordnung selbst genügt anschließend der nächste Termin in der Kinderarztpraxis.

Am Telefon fragen wir zuerst, wie viele verschiedene Wörter Ihr Kind spricht, ungefähr gezählt über einen Tag, und ob es Ihnen Dinge zeigt oder bringt. Ein kurzes Handyvideo aus einer normalen Spielsituation zu Hause sagt uns mehr als eine halbe Stunde Beschreibung am Telefon, weil kleine Kinder im Behandlungsraum in den ersten Wochen ohnehin anders sind als am Wohnzimmerboden.

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