Aktuelles \\ 14. September 2022

Seine Sprache und Stimme finden – Teil 1

Beim Stichwort Logopädie denken viele spontan an Stottern und Lispeln, Logopädie ist aber weit mehr als das: Es betrifft die Sprache wie Grammatik und Wortschatz, das Sprechen, aber auch die Stimme, das Schlucken und Atmen, das Essen und die Ernährung und das Hören. Ein weites Feld, über das sich das Magazin radius/30 mit unserer Inhaberin Raphaela Steinbrügge
unterhalten hat.

radius/30: Lispeln, stottern oder Buchstaben verdrehen – ab wann müssen Eltern bei ihren Kindern aufmerksam werden? Was ist „einfach nur eine Phase“, was kann oder sollte behandelt werden?

Raphaela Steinbrügge: Das lässt sich leider nicht pauschal beantworten, sondern ist abhängig vom Störungsbild. Wenn ein 2,5-Jähriger stottert, kann es sehr gut sein, dass das nur entwicklungsbedingt ist und von alleine wieder weggeht. Buchstabenverdreher – dass ein Kind beispielsweise „Kasse“ statt „Tasse“ sagt – kommen auch häufig bei Kindern vor und sind meist völlig normal. Wir raten davon ab, das eigene Kind mit anderen zu vergleichen. Die Entwicklung ist sehr individuell. Aber Eltern können aufmerksam werden, wenn sie vermehrt aus dem
nahen Umfeld auf die Sprach- oder Sprechentwicklung des Kindes angesprochen werden. Wenn Großeltern oder Erzieher widerspiegeln, dass sie das Kind nur schwer verstehen. Die eigenen Eltern sind da kein Maßstab – sie verstehen ihr Kind immer (lacht).

Ein weiterer Hinweis ist, wenn das Kind häufig traurig oder frustriert ist, weil es sich nicht verständlich machen kann. Manches lässt sich auch ganz einfach selbst testen: Der Wortschatz eines 2-jährigen Kindes umfasst etwa 50 Wörter. Dazu gehören auch „Wörter“ wie „Wauwau“ oder „Miau“. Notieren Sie alle diese Wörter und zählen Sie durch. Solange Sie nicht weit unter 50 liegen, ist alles in Ordnung. Ansonsten wäre es empfehlenswert, den Handlungsbedarf zu prüfen.

Oft hört man ja „Das wächst sich raus.“ Das lässt sich jedoch nicht pauschal sagen. Pauls niedliches Lispeln als kleiner Junge ist vielleicht eher hinderlich, wenn er 35 ist und einen Beruf ergreift, in dem er viel vor anderen Menschen reden muss. Auch den Stimmklang (wie nasal oder im anderen Extrem ohne Nasale gesprochen wird) nimmt mein Gegenüber bewusst oder unbewusst wahr. Bei Kindern lässt sich daran relativ leicht arbeiten, bei Erwachsenen wird es schon herausfordernder. Ein erfahrener Logopäde sieht und hört aber relativ schnell, ob etwas behandlungsbedürftig ist. Ob beispielsweise nur eine Zungenschwäche vorliegt oder der gesamte Muskeltonus im Gesicht eingeschränkt ist. Das sind kaum wahrnehmbare Feinheiten, die man als NichtFachmann nicht erkennt.

SPRACHE UND STIMME FINDEN

An wen wende ich mich, wenn ich als Elternteil das Gefühl habe, dass etwas nicht stimmen könnte? An den Kinderarzt? Oder an Sie direkt?

Der Kinderarzt ist in der Regel der erste Ansprechpartner. Oft werden Auffälligkeiten schon bei den Früherkennungsuntersuchungen entdeckt. Eltern können sich aber auch immer direkt an einen Logopäden wenden. Häufig lässt sich bereits in einem Telefonat klären, ob ein Beratungsgespräch vereinbart werden sollte. Wenn das nicht notwendig ist, fühlen sich Eltern meist durch die
Rücksprache trotzdem beruhigt. Das überträgt sich natürlich dann auch auf das Kind, es kann sich befreiter fühlen. Oft wird bei uns auch nachgefragt, welcher Arzt denn der richtige ist für ein vorliegendes Symptom, Hausarzt, Hals-Nasen-Ohren-Arzt oder ein anderer. Im besten Fall besteht im Sinne des Patienten ein guter Austausch zwischen Arzt und Logopäde.

Seine Sprache und Stimme finden – Teil 2